Nachhaltigere Finanzwirtschaft – Nummer Zweiundsiebzig

 

2019-05-25 CO2 Pfade Quaschnik

Titelbild/Bild Prof. Dr. Volker Quaschning, Lehrstuhl für das Fachgebiet Regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin am 28.5.2019 via Twitter

Inhalt: Europawahl 2019 – Keine Zukunft ohne Nachhaltigkeit; Zentralbanken und Bankenaufseher zu Klimarisiken; right.open – neues Netzwerk gestartet; Triodos Investment Management: ESG war gestern; Niederlande mit erstem Green Bond und Novum; Klimanotstand durch Politiknotstand; In eigener Sache: Angebote, Seminare, Vorträge, Workshops; Datenschutz/DSGVO

Die Beiträge in „Nachhaltigere Finanzwirtschaft“ fassen in loser Folge relevante Nachrichten zusammen, die auf die Entwicklung hin zu einem „Mehr“ an Nachhaltigkeit und andere interessante Entwicklungen im Finanzsektor hinweisen.

28. Mai 2019

Dr. Ralf Breuer

Europawahl 2019 – Keine Zukunft ohne Nachhaltigkeit

Spätestens nach dem heißen Sommer 2018 und den folgenden Landtagswahlen in Bayern und Hessen zeichnete sich die Richtung des Wahlergebnisses bei der Europawahl 2019 in Deutschland sehr klar ab. Dies wurde u.a. in den Ausgaben Nummer Dreiundfünfzig und Nummer Fünfundfünfzig: Weltspartag thematisiert.

2018-10-14 Bayernwahl

Quelle: Twitter/Jörg Schönenborn, WDR, Daten: infratest Dimap

Das Interesse an Nachhaltigkeit im allgemeinen und insbesondere dem Klimaschutz ist seither durch fortlaufende politische Diskussionen auch innerhalb der Bundesregierung und die seit einem halben Jahr stattfindenden Jugendproteste der „FridaysForFuture“ weiter in der Gesellschaft verstärkt worden. Die aktuelle Politik hat dies nicht hinreichend reflektiert: Nummer Einundsiebzig.

Es ist absurd, wenn sich prominente Politiker im Nachgang der Wahl überrascht zeigen und u.a. auf einzelne Videos – z.B. bei YouTube – unmittelbar vor der Wahl hinweisen.

Das deutsche Ergebnis der Europawahl darf in der Höhe der Ergebnisse einzelner Parteien überraschen, nicht aber in Hinblick auf die zugrunde liegenden Entwicklungen. Es reflektiert vielmehr die seit dem Sommer 2018 immer stärker gestiegene Aufmerksamkeit für die Notwendigkeit, dem Klimawandel wirksam zu begegnen. Dies drückt sich u.a. auch in einer Vielzahl von eher informellen Unterstützern der Jugendproteste aus.

2019-05-26 Stimmen Gruene Altersgruppen

Quelle: www.tagesschau.de

Einen interessanten Vergleich bietet die Analyse der CDU-Wähler nach Altersgruppen. Danach lag Bündnis 90/Die Grünen mit der CDU auch bei den 30 bis 40jährigen gleichauf und in der Altersgruppe bis 59 Jahre nur 4%-Punkte hinter der CDU mit 27%.

2019-05-26 Forschungsgruppe Wahlen CDU

Quelle: Forschungsgruppe Wahlen

Bemerkenswert an der Wahlanalyse ist neben der in Wählerbewegungen aufgetretenen Wucht vor allem die Reichweite des Themas Klimaschutz in der Bevölkerung. Bündnis 90/Die Grünen erzielte bei den 25 bis 69jährigen Wählern sehr gleichmäßig Stimmengewinne. Damit erscheint die deutsche Gesellschaft weitaus tiefer von dem Wunsch nach einer wirksamen Bekämpfung des Klimawandels durchdrungen als vielfach angenommen.

Neben der scheinbaren Überraschung der Politik irritiert auch der Umgang der Mehrheit in der deutschen Finanzwirtschaft mit dem Thema Nachhaltigkeit: Deutliche Worte der Finanzmarktregulierung in Zeiten extrem gestiegener Kundeninteressen finden im Produktangebot von Banken und Sparkassen kaum Widerhall. Eher das Gegenteil scheint der Fall, wenn eine neue Werbekampagne des Bundesverbands der deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) für die Ansprache von Menschen im Alter von 18 bis 25 Jahren statt auf Nachhaltigkeit lieber auf dem angeblichen „Megatrend 80er“ mit einem völlig sinnfreien Werbevideo aufsetzt:

Dieses Video löste in Branchenkreisen eher Entsetzen als Kopfschütteln aus. Insbesondere auch bei Personen, die in sehr digital affinen Bereichen tätig sind und vor allem auch das „Nutzererlebnis“ (User Experience, UX) im Fokus haben. Schade, mit den Produktionskosten und den dann noch notwendigen Aufwendungen für Sendezeiten könnte wohl viel „Sinn gestiftet“ werden.

Der Vorstandssprecher der – ebenfalls genossenschaftlichen – GLS Bank sieht jedenfalls Digitalisierung an sich lediglich als Werkzeug: „Digitalisierung hingegen sei kein Geschäftsmodell, sondern ein neutrales Instrument, das man nutzen könne oder auch nicht“. So zitiert auf S. 9 der Maiausgabe des Handelsblatt Business Briefing Nachhaltige Investments

Es ist durchaus vorstellbar, weitreichende Teile des Finanzdienstleistungsangebots analog bereit zu stellen. Eine Zukunft ohne Nachhaltigkeit erscheint dagegen unmöglich. So der Präsident der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) Felix Hufeld am 9.5.2019 in Berlin: „Wer langfristig im Finanzsektor erfolgreich sein will, wird am Thema Nachhaltigkeit nicht mehr vorbeikommen“ (Pressemitteilung vom 9.5.2019, vgl. auch Nachbericht im BaFinJournal Mai 2019). Die Praxis vermittelt dagegen vielfach den Eindruck, dass eher Digitalisierung als existenzsichernd und Nachhaltigkeit als Beiwerk angesehen wird.

Zentralbanken und Bankenaufseher zu Klimarisiken

Unter dem Titel „A call for action – Climate change as a source of financial risk“ hat das Netzwerk „NGFS – Network for Greening the Financial system“ die aktuelle Sicht von 34 vertretenen Zentralbanken und Bankaufsichtsbehörden zusammengefasst. Deutsche Bundesbank und BaFin sind gemeinsam in diesem weltweiten Netzwerk vertreten.

Der Klimawandel ist Ursache für eine Reihe von Risiken im Finanzmarkt und wird vom NGSF als wesentlich für die Finanzmarktaufsicht und Regulierung angesehen. Die Wirkungsmechanismen werden in der nachfolgenden Grafik auf Seite 14 im Bericht zusammengefasst:

2019-05-25 NGFS Climate-Financial

Quelle: NGFS – A Call for Action, April 2019

Die BaFin hat als Gründungsmitglied den Bericht des NGFS im aktuellen Journal thematisiert: BaFinJournal Mai 2019 S. 33f.

Eine Empfehlung des Berichts besteht in der verstärkten Berücksichtigung von Klimarisiken in der finanziellen Berichterstattung und bei der Bewertung der Finanzmarktstabilität. Hierzu werden aktuell verschiedene Instrumente entwickelt. Ein neues Projekt wurde am 23.5.2019 in Deutschland offiziell gestartet:

right.open – neues Netzwerk gestartet

right.open  ist ein interdisziplinäres wissenschaftliches Netzwerk mit starker deutscher Beteiligung. Es widmet sich der Messbarkeit von Klimarisiken. Kern der Aktivität ist die Weiterentwicklung des sogenannten „XDC-Modell“: „right. based on science hat ein wissenschaftsbasiertes Modell entwickelt, welches Entwicklern von Strategien zum Übergang in eine <2°C-Welt ein Handwerkszeug bietet. In einem Team mit Hintergrund in Rechts-, Natur- und Wirtschaftswissenschaften, sowie in Psychologie und Mathematik widmet sich right. der Entwicklung des sogenannten XDC-Modells, welches auf Basis klimawissenschaftlicher Erkenntnisse und regulatorischer Anforderungen die wissenschaftsbasierte Klimametrik X-Degree Compatibility („XDC“) berechnet.“

Initiator und Betreiber des Netzwerks ist right. based on science, ein im August 2016 gegründetes Informations- und Beratungsunternehmen, das den Beitrag einer einzelnen wirtschaftlichen Einheit, wie z.B. eines Unternehmens oder einer Anleihe, zum menschengemachten Klimawandel misst. right.open wird dabei als offene Plattform, ohne unmittelbare wirtschaftliche Interessen betrieben.

Beim Kick-off am 23.5.2019 in Frankfurt waren neben Wissenschaft und Wirtschaft auch HSBC Deutschland als Bank sowie die BaFin als Aufsichtsbehörde auf dem Podium vertreten. Frank Pierschel, der „Chief Sustainable Finance Officer“ und „Head of International Banking Supervision“, betonte noch einmal den aus Sicht der BaFin gegebenen dringenden Handlungsbedarf. Dieser bestehe bei Nachhaltigkeit zur Gänze und nicht nur dem Teilaspekt Klimawandel bzw. -risiken. Diese Sicht hat die BaFin nicht nur in ihrem aktuellen Journal (s.o.), sondern auch in den aktuellen BaFinPerspektiven Ausgabe 2|2019 ausführlich thematisiert.

Triodos Investment Management: ESG war gestern

Triodos Investment Management (verwaltetes Vermögen € 4,2 Mrd.) schärft das Profil seiner Anleihe- und Aktienfonds. Nicht mehr Nachhaltigkeit, sondern Wirkung steht im Vordergrund. Damit erfolgt auch eine Veränderung der Anlagestrategie, von „sozial verantwortungsbewußter“ Anlage (Socially Responsible Investing, SRI) hin zu „wirkungsorientierter“ Anlage (Impact Equities and Bonds). Die bisherige Palette von vier Fonds wurde umbenannt und durch zwei weitere Mischfonds mit defensiven und einer offensiven Anlagestrategie ergänzt (Press Release 15 May 2019 (EN).

Niederlande mit erstem Green Bond und Novum

Die Niederlande hat am 21.5.2019 den ersten staatlichen Green Bond mit einem Volumen von knapp € 6 Mrd. platziert. Die 20jährige Staatsanleihe ist der erste Green Bond der höchsten Ratingstufe „AAA“ mit einer Rendite von 0,557 %. Mit Geboten für ein Volumen von € 21,2 Mrd. war die Anleihe deutlich überzeichnet.

Die Überzeichnung wurde von der niederländischen Finanzagentur für ein weiteres Novum genutzt: Sie wählte teilweise Käufer, die eine entsprechende „grüne“ Ausrichtung haben (green real money accounts). Quelle: Dutch State Treasury Agency, Einschätzung www.reuters.com.

Klimanotstand durch Politiknotstand

Wissenschaftler sehen in Deutschland ein deutliches Defizit im politischen Handeln, um die Ziele des Klimaabkommens von Paris 2015 zu erreichen. Nachstehend eine Grafik, die Prof. Dr. Volker Quaschning, Lehrstuhlinhaber für das Fachgebiet Regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin am 28.5.2019 via Twitter verbreitete.

Bereits die vorausgegangene Ausgabe Nummer Einundsiebzig widmete dem Thema Politiknotstand/Klimanotstand im Vorfeld der Europwahl.

Zwischenzeitlich haben weitere deutsche Städte den Klimanotstand erklärt: Bad Segeberg (22.5.19) Kiel (erste Landeshauptstadt, 15.5.19), Ludwigslust (16.5.19), Lübeck (23.5.19) Münster (22.5.2019) und Tönisforst (erste Stadt in NRW, 16.5.19).

Im Ausland haben bereits u.a. Großbritannien und Irland sowie kommunal/regional die Stadt Mailand und acht Kantone der Schweiz (u.a. Basel, Bern, Genf und Zürich) den Klimanotstand erklärt. Eine laufend aktualisierte Liste findet sich bei: www.klimabuendnis-hamm.de

In eigener Sache

Angebot Seminare, Vorträge, Workshops

Laut Scope sind in Deutschland 641 Fonds mit dem Etikett „nachhaltig“ zugelassen. Sie haben ein Gesamtvolumen von rund € 160 Mrd. 65 Fonds tragen das „FNG-Siegel“ des Forum Nachhaltige Geldanlagen (FNG), für das sich 66 Fonds beworben hatten. Leider hat nahezu jeder Fonds seine eigene Interpretation von Nachhaltigkeit, was die Suche nach passenden Anlageangeboten erschwert. Trotzdem lässt sich der Markt grundsätzlich sehr schnell erschließen.

In 1,5 bis 2 Stunden kann schon ein Überblick gewonnen werden, was Nachhaltigkeit ausmacht und wie „aus dem Bauch“ Geldanlagen auf ihre nachhaltige(re) Wirkung beurteilt werden können. Darüber hinaus Hinweise auf die sehr verbreiteten Irrtümer bei „grünen Illusionen“ – Nachhaltigkeit, die es auf den zweiten Blick doch nicht ist.

Ein weiteres Format ergab sich aus der Mitgestaltung der FridaysForFuture Demonstration am 12.4.2019. Das für den öffentlichen Raum gedachte Konzept läßt sich, z.B. mit spielerischen Elementen verbunden, sehr gut auch für jüngere und ältere Gruppen in der Zivilgesellschaft verwenden. –

 

Mehr dazu: Angebote – Seminare, Vorträge, Workshops

Datenschutz/DSVO

Durch die ab 25. Mai 2018 in Deutschland geltende Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) der Europäischen Union ist der rechtssichere Versand von Mails auch wenn sie keine unmittelbare Werbung enthalten an die ausdrückliche Zustimmung der Empfänger gebunden.

Sofern Sie zukünftig gezielte und dosierte Informationen zum Thema Nachhaltigkeit in der Finanzwirtschaft per Mail erhalten möchten, bitte ich Sie unter dem nachfolgenden Link um Ihre Zustimmung, wozu ein simples „Ja“ in Verbindung mit Ihrem Namen und Ihrer Mailadresse würde genügen: Datenschutz bei Investabel®. Alternativ können Sie auch eine entsprechende Mail info@investabel.com senden.

Dies betrifft natürlich nur diejenigen Adressaten, die ihre Zustimmung bisher noch nicht gegeben haben.

Übersicht Blogbeiträge

Übersicht Nachhaltigere Finanzwirtschaft Nummern Zweiundsiebzig bis Eins

 

 

 

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