Zwischenbericht Sustainable Finance-Beirat der Bundesregierung

2020-03-05 SusFinBeitragsbild/Bild: Bundesministerium der Finanzen

Dr. Ralf Breuer

24. März 2020

Neun Monate nach seiner konstituierenden Sitzung am 6.6.2019 hat der „Sustainable Finance-Beirat“ der Bundesregierung einen ausführlichen Zwischenbericht mit Handlungsempfehlungen für den Finanzstandort Deutschland vorgestellt. Erste Ergebnisse waren als Thesen bereits beim Sustainable Finance Gipfel Deutschland am 16.10.2019 präsentiert und seither deutlich weiterentwickelt worden.  Der Zwischenbericht verdient großen Respekt, u.a. weil die Ergebnisse für ein mit 38 Mitgliedern derart großes und dabei sehr divers zusammengestelltes Gremium sehr homogen wirken und keine Mindermeinungen beigefügt wurden.

Die nachfolgenden Eindrücke und Überlegungen werde ich mit weiteren Anregungen selbstverständlich auch auf dem vorgesehenen Weg in die Konsultationen einbringen. Dieser Beitrag dient auch ein wenig der (Ein-)Ordnung der eigenen Gedanken zu dem sehr ausführlichen Konsultationsfragebogen mit immerhin 29 Seiten (Konsultation bis 3. April 2020).

Klare Handlungsempfehlungen, aber…

Der Beirat ist in seinen Empfehlungen grundsätzlich sehr klar und nachvollziehbar. Allerdings könnten die Ergebnisse für die vorrangigen Adressaten, die Entscheidungsträger in der Politik etwas besser ‚verpackt‘ und damit ‚leichter verdaulich‘ werden. So wirken insbesondere die Empfehlungen auf S. 16 vordergründig eher akademisch, gewissermaßen wie durch den Beirat ‚frisch vom Baum geschüttelt‘. Dagegen sind praktisch alle Empfehlungen bereits als reale Entwicklungen zu beobachten. Vor diesem Hintergrund wirkt eine Umsetzung der Empfehlungen weitaus weniger dramatisch als es bei weniger mit der Materie vertrauten Leser erscheinen mag.

Nachhaltigkeit ist zuallererst Chefsache!

Eine sehr erfreuliche Entwicklung nahm die Arbeit der Arbeitsgruppe 4 „Endkunden“. In dem Thesenpapier waren noch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Kundenkontakt Hauptzielgruppe von Qualifikationsmaßnahmen:

„Der Ausbildung und Qualifizierung der Mitarbeitenden der Finanzindustrie kommt eine Schlüsselrolle zu. Nur mit den notwendigen Kenntnissen zu nachhaltigen und verantwortlichen Finanzprodukten können diese sach- und kundengerecht zur Verfügung gestellt werden. Darüber hinaus ist eine Bewusstseinsschaffung in der Breite der Gesellschaft erforderlich.“

Sustainable Finance-Beirat Thesenpapier, Oktober 2019, S. 6, These 5

Der Zwischenbericht wird dagegen von der Erkenntnis geleitet, dass zunächst und zuallererst die Führungskräfte (und Gremien) adressiert werden müssen:

„Führungskräfte der Finanzwirtschaft müssen über einen umfangreichen Kenntnisstand bezüglich des Zusammenhangs zwischen nachhaltiger Transformation und Geschäftserfolg verfügen.“

Zwischenbericht vom 6.3.2020, S. 29, 6. b)

Dass diese Überlegung im Jahre 2020 überhaupt noch an die Finanzbranche herangetragen werden muss, mag überraschen. Der seit 2007 anhaltende geschäftliche Erfolg von werteorientierten Banken und insbesondere der sog. ‚Umweltbanken‘ ist aber eine einfache Beobachtung. Zudem finden sich in den großen Finanzgruppen seit einem sogar längeren Zeitraum Publikationen in großer Anzahl, in denen Nachhaltigkeit im Produktangebot als erfolgversprechende geschäftspolitische Option herausgearbeitet wurde. Mittlerweile hat sich die Situation aufgrund der Zeitläufte mit Blick auf die Geschäfts- und Risikostrategien noch einmal verschärft, wie in diesem Blog bereits mehrfach dargestellt wurde, z.B. in Nachhaltigkeit in der Finanzwirtschaft – Überlebensstrategie 4.0.

Die Agenda 2030 = Verständnis von Nachhaltigkeit

Bereits im zweiten Absatz der „Executive Summary“ artikuliert der Zwischenbericht deutlich sein Verständnis von Nachhaltigkeit: „Als klare Leitplanke dient neben den UN Nachhaltigkeitszielen das Pariser Klimaschutzabkommen.“ Da dürfte bei vielen Lesern bereits ein Verständnis-/Wissensproblem angesprochen werden, wie bei nahezu jeder Gelegenheit im Dialog über Nachhaltigkeitsthemen mit Nicht-Experten deutlich wird: Die Agenda 2030 mit ihren 17 Zielen (Sustainable Development Goals, SDGs) ist bei weitem nicht hinreichend bekannt, obwohl sie sehr anschaulich die 17 existenziellen Problemfelder der Menschheit auf diesem Planeten und in konkreten 169 Teilzielen Lösungsansätze beschreibt.

csm_Das_sind_die_SDGs_17_Ziele_UN_c70fe655be

Quelle: Die Bundesregierung

Trotz ihres Stellenwerts und ihrer Nützlichkeit für die individuelle und kollektive Orientierung in eine zukunftstauglichere Welt kann die Agenda 2030 bei weitem noch nicht als Gemeingut der deutschen Gesellschaft angesehen werden. Insofern birgt schon der harmlos wirkende zweite Absatz des Zwischenberichts bereits einen erheblichen Arbeitsauftrag.

Vor diesem Hintergrund wären auch klare Hinweise zielführend, dass die Agenda 2030 das gemeinsame, klammernde Rahmenwerk aller Nachhaltigkeitsstrategien im föderalen System bildet. Und noch mehr: Sie bildet die Grundlage für einen breiten gesellschaftlichen Konsens, was in vielen Diskussionen um Interessenkonflikte bei Nachhaltigkeitsthemen überdeckt wird.

Besonders prägnant wurde der Wert der Agenda in einem Papier der EKD, Evangelische Kirche in Deutschland, herausgearbeitet: „Geliehen ist der Stern, auf dem wir leben“ Die Agenda 2030 als Herausforderung für die Kirchen. Ein Impulspapier der Kammer der EKD für nachhaltige Entwicklung. EKD-Texte 130, 2018:

„Die Agenda 2030 ist für uns als Kirche wie ein (noch zu hebender) Schatz, denn sie greift vieles auf, was die ökumenische Bewegung bereits seit den 1970er Jahren, vor allem im „Konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ gefordert hat:…“ (S. 8)

Stringent entlang der 17 Problemfelder der Agenda werden die Notwendigkeiten aus Sicht der Agenda, der deutschen nationalen Nachhaltigkeitsstrategie und den Werten der EKD herausgearbeitet. Damit bietet das Impulspapier eine wertvolle Moderationshilfe in der Gesellschaft jenseits von politischen Positionen und ökologischen Weltanschauungen.

Im Berichtsjahr 2018 ordnete bereits ein Drittel der Unternehmen in den „Entsprechenserklärungen“ beim Deutschen Nachhaltigkeitskodex die jeweiligen Nachhaltigkeitsziele den SDGs zu.

2019-10-23 RNE SDGs

Quelle: Deutscher Nachhaltigkeitskodex

Adressatengerecht?

Gemäß Seite 8 ist die Bundesregierung primärer Adressat des Berichts, also nicht z.B. nur die Bundeskanzlerin (die die nationale Nachhaltigkeitsstrategie verantwortet), der Finanzminister (bei dem Sustainable Finance angesiedelt wurde), die Umweltministerin (die per se ein tiefer gehendes Verständnis haben sollte) oder dem Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, sondern alle Kabinettsmitglieder. Leider wurde es im Bericht aber versäumt, die weniger mit Nachhaltigkeitsthemen vertrauten und in manchen Fällen im Deutschen Bundestag geradezu allergisch argumentierenden Politiker/innen auch tatsächlich an die Thematik heranzuführen bzw. sie entsprechend „abzuholen“.

Dies wird mit dem Zwischenbericht auch deshalb etwas unzureichend versucht, weil viele Empfehlungen und Feststellungen akademischer als notwendig wirken. Leider wird nur ansatzweise der Bezug zu in der Realität ohnehin schon stattfindenden Entwicklungen hergestellt, um so die Aufnahme und Umsetzung der Empfehlungen zu erleichtern. Stattdessen wirken manche Passagen wie völlig innovativ oder neudeutsch gar ‚disruptiv‘, gewissermaßen als seien sie vom Beirat „frisch vom Baum geschüttelt“. Dies soll nachstehend anhand der Empfehlungen auf S. 16 erläutert werden.

Weniger „disruptiv“ als „adaptiv“

Vor den genannten Handlungsempfehlungen noch ein Beispiel von der S. 7. Dort heißt es:

„Um den Nachweis erbringen zu können, dass die Bereitstellung von Kapital positive Wirkungen auslöst, mindestens jedoch negative vermeidet, sind wissenschaftsbasierte Messverfahren zu entwickeln. Daran wird sich ein im Sinne von Nachhaltigkeit dienlicher Finanzsektor messen lassen müssen.“

Dies ist in Teilen richtig (z.B. bei Klimamodellen, Transitionsszenarien und anderen Prognosen), verschleiert aber den Blick darauf, dass Wirkungen bereits auf breiter Front „gemessen“ werden. Häufig nicht kardinal in Meter oder Euro, wohl aber ordinal in Wirkung: So werden die Entwicklungen von Nachhaltigkeit im Sinne der nationalen und länderspezifischen Nachhaltigkeitsstrategien von den jeweils zuständigen statistischen Ämtern verfolgt.

Bei der staatseigenen Kreditanstalt für Wiederaufbau wurde zunächst für die Entwicklungsfinanzierung KfW der deutschen Entwicklungsgesellschaft DEG das beeindruckende „DERa“-Rating entwickelt. Es bestimmt in einem mehrstufigen Prozeß die Nachhaltigkeitswirkungen des Portfolios der Entwicklungsfinanzierungen entlang der 17 Ziele der Agenda 2030. In Expertenkreisen wird dieser Ansatz als wegweisend für Nachhaltigkeitsratings in der Zukunft angesehen. Hier muss also keineswegs erst so viel „entwickelt werden“ wie das obige Zitat nahe legt.

Nach meinen Eindrücken bewegt sich der Zwischenbericht eher im Bereich fortgeschrittener Erkenntnisse, die manchem mangels Kenntnis (bzw. Blicken über den Tellerrand) „disruptiv“ erscheinen. Dies ist aber tatsächlich kaum der Fall.

Viele Empfehlungen schon realer als es scheint

Viele der z.B. auf S. 16 empfohlenen Handlungsansätze sind weitaus weniger Theorie als es wahrscheinlich bei einer unbefangeneren Lektüre den Anschein hat (Handlungsempfehlungen im Orginaltext kursiv):

1. Schrittweise Ausweitung der nachhaltigkeitsbezogenen Berichterstattung auf alle Unternehmen, auch kapitalmarktferne und zunehmend kleine und mittlere Unternehmen

Mir dem Gesetz zur Umsetzung der europäischen Richtlinie CSR-Berichtspflicht (CSR-RUG) wurde die Berichtspflicht ab dem Geschäftsjahr 2017 erheblich auch auf kleinere Unternehmen im Finanzsektor und insbesondere auf Sparkassen ausgedehnt. Auch kleinste Unternehmen und Freiberufler können freiwillig berichten und ihre „Entsprechenserklärung“ in der Datenbank des Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK) veröffentlichen.

 

2. Erweiterung der Unternehmensberichterstattung um zukunftsgerichtete Nachhaltigkeitsfaktoren

Dies ist in Teilen bereits bereits bei der Berichterstattung über den DNK der Fall. Die Empfehlungen zur Berichterstattung über klimaverursachte finanzielle Auswirkungen geben ebenfalls ein klares Rahmenwerk. Zudem plant der DNK bei der Weiterentwicklung des Kodex, die Berichterstattung über zukunftsbezogene Aspekte im Sinne der Agenda 2030 auszuweiten.

3. Standardisierung der nachhaltigkeitsbezogenen Unternehmensberichterstattung, z. B. um sie für Stresstests nutzbar zu machen

Stresstests sind für die globalen Finanzaufseher ohnehin an der Tagesordnung, sie machen auch vor kleineren Unternehmen nicht halt. Aus aufsichtstechnischer Sicht ist es ohnehin geboten, Daten zu standardisieren und die Berichterstattung gegenüber dem aktuellen Meldewesen stärker zu automatisieren. Vor allem die kleineren Finanzunternehmen könnten durch verstärkten Technikeinsatz (Technologische Aufsichtslösungen/SupTech) hier ebenso entlastet werden wie bei anderen regulatorischen Aufgaben (RegTech).

Der EU Aktionsplan sieht zudem vor, für alle kapitalmarktnahen Unternehmen bzw. den größten Teil der Finanzinstrumente im Markt einen Katalog von Nachhaltigkeitskriterien als Mindeststandard vorzugeben.

4. Erleichterter Zugang zu Nachhaltigkeitsrohdaten von Unternehmen

Der unter 3. genannte Standardkatalog besteht aus Rohdaten und konsolidierten Werten. Der DNK plant, die Datenbank mit den hinterlegten Unternehmensdaten als „Open Source“ zugänglich zu machen.
5. Erhebung von Nachhaltigkeitsdaten im Rahmen der Kreditvergabe

Die Verknüpfung der Kreditvergabe mit der Mittelverwendung und der Verzinsung mit Nachhaltigkeitsaspekten nimmt rasant zu (Green Bonds, Sustainability-linked Credit, grüne Hypotheken, grüne Schuldscheine etc.). Dies lässt sich leicht für den Versorgersektor illustrieren:

2020-02-06 Scope Green Finance
6. Entwicklung von Basisszenarien zur Anwendung für Szenarioanalysen sowie von Stressszenarien für Stresstests

Dies gehört zum Tagesgeschäft der globalen Finanzaufseher. Die komplexen Aufgaben von klimabezogenen Szenarien können ohnehin nur wenige Spezialisten leisten und bergen auch dann erhebliche Unsicherheiten.
7. Entwicklung standardisierter Wirkungsmessmethoden, um die Wirkung von Investitionen und Finanzierungen hinsichtlich der beabsichtigten  Nachhaltigkeitszielerreichung messbar zu machen

Die Wirkungsmessung ist keineswegs absolutes Neuland. Die Deutsche Entwicklungsgesellschaft DEG hat wie oben beschrieben ein beeindruckendes System im Einsatz. Die statistischen Ämter verfolgen die Entwicklung quantitativer und qualitativer Indikatoren, wobei die Nachhaltigkeitsstrategien von Bund, Ländern und auch zunehmend bei Kreisen und Kommunen an der Agenda 2030 ausgerichtet sind.

8. Aufbau einer Anlaufstelle, die eine Entscheidungshilfe bei Widersprüchen unter Nachhaltigkeitszielen in konkreten Fällen bietet. Diese kann im Kontext der dauerhaften Arbeitsstruktur des Sustainable Finance-Beirates angesiedelt sein (vgl. Abschnitt 1.2)

„Anlaufstelle“ liest sich wahrscheinlich deutlich weniger gewichtig als dies den Eindruck hat: Nicht eine ständige Arbeitsstruktur als physische Einrichtung, sondern vielmehr konkrete Hilfestellung beim Umgang mit möglichen Widersprüchen zwischen den 17 Problemfeldern der Agenda 2030 ist ein wesentlicher Faktor. Viele Nachhaltigkeitsaktivitäten führen je nach Perspektive zu unterschiedlichen Einschätzungen. Dies wird im Bereich der erneuerbaren Energien immer wieder deutlich. Es gibt einige gute Beispiele, wie Interessenkollisionen aufgelöst werden konnten. Insofern wäre es wichtig, bei der Bewältigung von Konflikten je nach nationaler, regionaler und/oder lokaler Perspektive zu moderieren

Schlüsselbegriffe spärlich verwendet

Eine Analyse des Textes mit der Suchfunktion von Adobe führte zu dem Ergebnis, dass bestimmte Schlüsselbegriffe im Bericht aus den Bereichen Nachhaltigkeit oder Sustainable Finance gar nicht oder nur sehr spärlich zu finden sind. So wird beispielsweise das BaFin-Merkblatt zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken nur an einer einzigen Stelle adressiert, obwohl es gerade die oben zitierten Anforderungen an Führungskräfte in der Finanzwirtschaft als aufsichtliche Maßgabe formuliert. Das Merkblatt fordert ausdrücklich von a l l e n Finanzunternehmen in Deutschland eine Auseinandersetzung mit zukünftigen Entwicklungen in Bezug auf Nachhaltigkeitsrisiken und Chancen.

Die Tatsache, dass die BaFin Sustainable Finance als einen der vier Aufsichtsschwerpunkte 2020 betrachtet, bleibt unerwähnt. Damit lassen die Berichterstatter ohnehin vorhandene sehr starke Argumente für mehr Nachhaltigkeit in der Finanzwirtschaft unverständlicherweise unerwähnt und ungenutzt.

Dieser Eindruck setzt sich bedauerlicherweise bei einer ganzen Reihe von Schlüsselbegriffen im Kontext von Sustainable Finance fort.

Wo ist das Gemeinwohl?

Der überwiegende Teil der deutschen Kreditwirtschaft fühlt sich dem Gemeinwohl verpflichtet – entweder durch Satzung und/oder Gesetz. Im Text findet sich nur eine einzige Textpassage mit diesem Begriff auf S. 44 f. Textziffer 6:

„Die öffentliche Hand übernimmt im Finanzsystem aus einer grundlegenden Rolle heraus bestimmte Funktionen, vor allem auch in der Fläche. Deshalb sollte sich der gemeinwohlorientierte Sparkassensektor vorbildlich auf die Nachhaltigkeits- und Klimaziele ausrichten.“

Dieser Satz eröffnet einen naheliegenden Gedanken, der sich auch in die Realwirtschaft bis hin zu kleineren und kleinsten Unternehmen fortsetzen lässt: Die Orientierung am jeweils relevanten Umfeld, z.B. auch an den örtlich wirksamen Nachhaltigkeitsstrategien. Dies ist in den Handreichungen zum Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK) bereits als ausdrückliche Empfehlung enthalten. Der DNK wird immerhin von der Mehrzahl der berichtspflichtigen Sparkassen für die CSR-Berichterstattung genutzt.

Manche der 348 Sparkassen und 841 Genossenschaftsbanken haben die Werte und Bedürfnisse der Menschen vorbildlich im Blick, bei der großen Mehrheit haben die kommunalen bzw. regionalen Nachhaltigkeitsstrategien in ihre Geschäftsstrategien Eingang gefunden. Überwiegend beschränken sich die Beiträge zum Gemeinwohl sogar auf die steuerlich sanktionierten Teile im Sinne von Gemeinnützigkeit in der Abgabenordnung (AO).

Nachhaltigkeit ist Eigeninteresse!

Bei dem vorliegenden Zwischenbericht wurden einige sehr wichtige Argumente für „Sustainable Finance“ und starke Hebel für mehr Nachhaltigkeit letztlich auch zum Eigeninteresse großer Teile der Finanzwirtschaft nicht adressiert. Bereits die Präambel des Berichts könnte durch das nachstehende Zitat des BaFin-Präsidenten vom 9.5.2019 bereits große Wucht erhalten können:

„Wer langfristig im Finanzsektor erfolgreich sein will, wird am Thema Nachhaltigkeit nicht mehr vorbeikommen“

Quelle: BaFin Pressemitteilung 9.5.2019

Die Sammlung entsprechend klarer Aussagen ließe sich nahezu beliebig fortsetzen, z.B. auch in Form von Aussagen (und auch Videos) bei der Finanzmarktkonferenz der Deutschen Bundesbank am 29.10.2019. Dies wäre ein naheliegendes Mittel, auch bei den weniger erfahrenen (oder teilweise „allergischen“) Lesern mehr Wirkung zu erzielen.

Der für September 2020 avisierte Schlussbericht kann deshalb noch erhebliche weitere Potenziale nutzen, um bei den politischen Entscheidungsträgern und vor allem auch in der Finanzwirtschaft die erwünschte Aufnahme, vor allem aber die sehr wünschenswerten Wirkungen zu erreichen.

An den Beirat und alle Mitarbeitenden mein Respekt und herzlichen Dank für die bisher geleistete Arbeit !

Nachhaltigere Finanzwirtschaft – Nummer Sechsundachtzig

2020-03-05 SusFin

Titelbild/Bild: Bundesministerium der Finanzen

Inhalt: Zwischenbericht Sustainable Finance-Beirat der Bundesregierung; Basel Komitee zu Klimarisiken; NN (L) Corporate Green Bond Fonds; Sustainalytics öffnet seine Datenbank; DAX 50 ESG – irgendetwas mit Nachhaltigkeit; Tomorrow mit mehr als 25.000 Kunden und „Zero“; Webinar Nachhaltigkeitsratings und -ratingagenturen; Seminar-/Veranstaltungstermine: VÖB Zertifikatslehrgang „Sustainable Finance Manager“ ab März 2020; In eigener Sache: Angebote, Seminare, Vorträge, Workshops; Datenschutz/DSGVO

Die Beiträge in „Nachhaltigere Finanzwirtschaft“ fassen in loser Folge Nachrichten zusammen, die auf die Entwicklung hin zu einem „Mehr“ an Nachhaltigkeit und andere interessante Entwicklungen im Finanzsektor hinweisen.

10. März 2020

Dr. Ralf Breuer

Zwischenbericht Sustainable Finance-Beirat der Bundesregierung

Am 5.3.2020 veröffentlichte der Sustainable Finance-Beirat der Bundesregierung seinen Zwischenbericht. Der Schlussbericht der 38köpfigen Arbeitsgruppe (Mitglieder) ist für Ende September 2020 zum Europäischen Sustainable Finance Gipfel am 28.8.2020 in Frankfurt am Main avisiert.

Sustainable Finance-Beirat Logo

Der Zwischenbericht verdient vor dem Hintergrund große Anerkennung, dass der Beirat äußerst heterogen mit den unterschiedlichsten Interessenslagen besetzt ist. Trotzdem wurde ein einheitlicher Bericht ohne Mindermeinungen verfasst. Nach den hoffnungsvollen ersten Ansätzen, die beim Sustainable Finance Gipfel 2019 präsentiert wurden, das der Beirat einen konsistenten Bericht verfasst und die Diskussionen 2019 für inhaltliche Fortentwicklungen genutzt. So wurde insbesondere das Thema „Qualifikationsbedarf“ erkennbar überdacht. Während sich die Überlegungen bei der ersten Vorstellung noch vorrangig auf Mitarbeiter mit Kundenkontakt richteten, stehen nunmehr die Führungskräfte stärker im Fokus.

Leider wirken die Vorschläge deutlich ‚akademischer‘ bzw. abstrakter als notwendig. Viele „Handlungsansätze“, die für weniger vertraute Leser eher innovativ wirken, finden sich in realen innerthematischen Entwicklungen sowohl in der Meinungsbildung als auch in der Praxis wieder. Der Bericht hat es leider versäumt, hier verstärkt Bezüge herzustellen, die die Politik als vorrangigen Adressaten ermutigen könnten, die Ansätze auf den Weg zu bringen.

Als Beispiele seien die verstärkten Aktivitäten von BaFin und Bundesbank genannt, die nur am Rande mit dem „Merkblatt zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken“ gestreift werden. Tatsächlich zeigt eine Analyse des Textes, dass bestimmte Kernbegriffe im Kontext von Sustainable Finance nur spärlich (EU Aktionsplan, BaFin, NGFS) oder gar nicht (BaFin Aufsichtsschwerpunkte, Energiewende, Klimarisiken, Nachhaltigkeitskodex) in dem Dokument.

Völlig versäumt wurde die Darstellung der geschäftspolitischen Perspektiven von Nachhaltigkeit in der Finanzwirtschaft. Dabei wären die Wachstumsraten in Verbindungen mit den demoskopischen Trends ein wichtiger Schlüssel für eine verstärkte Akzeptanz der Ergebnisse in der Finanzwirtschaft. In der jüngeren Vergangenheit gab es eine große Zahl von Aussagen aus der Finanzwirtschaft heraus, die dies unterstreichen, so z.B. auch vom Bundesbankpräsidenten und dem Vorstandssprecher der Deutsche Bank AG bei der Finanzmarkttagung der Bundesbank am 29.10.2019: Dokumente und Videos.

Die oben genannten Punkte werde ich auch in die Konsultation zum Zwischenbericht einbringen. Den Bericht in Deutsch und Englisch finden Sie hier.

Basel Komitee zu Klimarisiken

Das Basel Komitee zur Bankenaufsicht hat sich am 26.2./27.2.2020 auch intensiv mit dem Thema Klimarisiken beschäftigt. Die unmittelbaren und mittelbaren Folgen des Klimawandels werden zunehmend zu Themen der Finanzmarktstabilität, die die internationalen Finanzaufseher und Notenbanken beschäftigen. Das Komitee avisierte abschließende Überlegungen bis zum Ende des laufenden Jahres (Pressemitteilung vom 27.2.2020, EN).

NN (L) Corporate Green Bond Fonds

Der niederländische Vermögensverwalter NN (=Nationale Nederlanden) lässt den eigenen Worten „Green Bonds are becoming corporate mainstream“ Taten folgen und legt den dritten Green Bond Fonds auf, der sich auf Unternehmensanleihen konzentriert.

NN hatte bereits einen Fonds auf Green Bonds sowie einen Fonds auf kurzlaufende Greenbonds (Green Bonds Short Duration) im Angebot.

Sustainalytics öffnet seine Datenbank

Sustainalytics trägt dem starken Trend nach der Bereitstellung von Rohdaten Rechnung. Neben den herkömmlichen verdichteten Nachhaltigkeitsratings können die Kunden zukünftig auch Einblick in die zugrunde liegenden Indikatoren bzw. Daten erhalten (Pressemitteilung vom 20.2.2020, EN).

Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Publikation vom 9.3.2020 bei FondsTrends: Vom Nice-to-have zum Must-have – ESG-Kommunikation im Asset Management. Wie von der Europäischen Kommission geplant, werden Nachhaltigkeitsindikatoren immer mehr zu einem Standard für Finanzanleger.

DAX 50 ESG – irgendetwas mit Nachhaltigkeit

Am 4.3. lancierte die Deutsche Börse AG den DAX 50 ESG. Am ersten Tag leider zwar mit Echtzeitkursen, aber ohne Angaben über Zusammensetzung und die Indexmethodik. Leider lassen auch die zwischenzeitlich veröffentlichten ergänzenden Informationen kein Urteil zu, wie Nachhaltigkeitskriterien auf die Unternehmensauswahl wirken. Dies wird lediglich pauschal beschrieben: Ausgeschlossen werden Unternehmen „…die gegen die Prinzipien des Global Compact der Vereinten Nationen verstoßen sowie Unternehmen, die mit umstrittenen Waffen, Tabak, Kohle (Gewinnung und Stromerzeugung), Kernkraft und militärischen Verträgen zu tun haben. Die verbleibenden Unternehmen werden auf ihre individuellen ESG-Scores hin untersucht, die durch das transparente ESG-Performance-Rating-Modell von Sustainalytics berechnet werden.“ Quelle: Deutsche Börse AG

Die genaue Auswahl der Unternehmen nach Orderbuchgröße, Marktkapitalisierung in Streubesitz und Nachhaltigkeitsratings lässt sich nicht nachvollziehen. Es bleibt eine Auswahl von 50 Unternehmen aus den 120 Indexmitgliedern DAX30, MDax und TecDax, die „irgendetwas mit Nachhaltigkeit“ verbindet. (Indexbeschreibung 4.1.7. S. 34ff.).

Tomorrow mit mehr als 25.000 Kunden und „Zero“

Am 9.3.2020 stieg die bei Tomorrow registrierte Kundenzahl auf 25.091. Das ‚FinTech‘ Tomorrow ist mit seinem Angebot von Girokonto und Zahlungskarte ganz auf Nachhaltigkeit fokussiert. Aus den Interbankvergütungen für Kartenzahlungen werden Schutzmaßnahmen vorwiegend für tropische Regenwälder finanziert.

Am 25.2.2020 wurde neben dem gebührenfreien Basiskonto die kostenpflichtige „Zero“-Variante gestartet. Aus einer Monatsgebühr von € 15 werden € 5 für Projekte zur Kompensation der durchschnittlichen CO2-Verursachung deutscher Bürger (11t p.a.) verwendet. Der verbleibende Betrag entfällt auf Steuern (€ 3) und Kostendeckung des Anbieters (€ 7).

 

Die Aufnahme des neuen Angebots in Onlineforen war sehr gemischt von „gute Sache“ über „zu teuer“ bis „CO2 hat doch einen viel höheren Preis. Zudem können auch Kompensationsprojekte je nach Perspektive kontrovers diskutiert werden, weshalb das Angebot von „Zero“ viele Diskussions- bzw. Reibungspunkte bietet.

Bild

Webinar Nachhaltigkeitsratings und -ratingagenturen

Am 4.3. führte ich für die Leuphana Universität Lüneburg MBA-Studenten durch das Thema. Das Webinar ist eines von sechs Lerneinheiten des Moduls ‚V6 Sustainable Finance‘ im nebenberuflichen MBA-Studiengang Sustainability Management.

Das Webinar zielte weniger auf die aktuellen institutionellen Gegebenheiten und Angebote für Nachhaltigkeitsratings, sondern vielmehr auf die dynamischen Entwicklungen, die zu einer Konsolidierung von herkömmlichen Finanz(stärke)- und  Nachhaltigkeitsratings führen werden.

Seminar-/Veranstaltungstermine

Zertifikatslehrgang „Sustainable Finance Manager“ ab März 2020

Die Academy of Finance der VöB-Service GmbH bietet ab März 2020 den Zertifikatslehrgang Sustainable Finance Manager als anerkannten Qualifizierungsnachweis an. In diesem Lehrgang sollen Kompetenzen in Sachen Nachhaltigkeit umfassend aufgebaut werden, um diese anschließend im eigenen Hause in der Praxis umsetzen zu können.

Der Lehrgang ist in der Form eines Blended-Learnings gestaltet und setzt sich aus einem Präsenz-Workshop, drei E-Learning-Modulen sowie einer Online-Abschlussprüfung zusammen.

Der Starttermin am 16.3.2020 und die Zusatztermine am 17. und 18.3.2020  sind bereits ausgebucht. Deshalb bietet die Academy am 23.6. und 28.7.2020 Präsenzworkshops für den Start weiterer Lehrgänge an.

Mehr Informationen und Buchungen: VÖB-Service GmbH Academy of Finance

Eine Beschreibung und einige Hintergründe zum  findet sich im aktuellen Newsletter der Steyler Ethik Bank: Nachhaltige Prozesse anstoßen

In eigener Sache

Neu: Das BaFin Merkblatt zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken – was ist zu tun?

Das Merkblatt wurde am 20.12.2019 veröffentlicht. Es handelt sich zwar ausdrücklich nicht um eine (Regulierungs-)Vorschrift, sondern eine „Orientierungshilfe“, ist aber mit mit seinem sehr klaren Anspruch der Regulierungsbehörde versehen: „Die BaFin erwartet, dass die beaufsichtigten Unternehmen sich mit den entsprechenden Risiken auseinandersetzen.“

Während in den meisten größeren Finanzinstituten bereits mehr oder weniger viele Erfahrungen im Bereich Nachhaltigkeit und (CSR-)Berichterstattung gesammelt wurden, ist dies bei kleineren/regionalen Instituten oft nicht der Fall. Allerdings gilt die große Mehrheit in Deutschland: Die Ansprüche der BaFin reichen weit über die vorhandenen Strukturen hinaus!

In einem ersten Workshop sollen deshalb zunächst die spezifischen Ansprüche und Bedarfe zusammengetragen werden. Dies ist im Regelfall schon innerhalb eines Tages zu bewältigen. Daraus lässt sich dann eine spezifische, detailliertere Arbeitsplanung zur Umsetzung des Merkblatts ableiten.

Workshops „In-Trends Nachhaltigkeit“

Kaum gewöhnt hat sich die „Finanzwelt“ an die Berücksichtigung von Nachhaltigkeit in nahezu allen Geschäftsbereichen gewöhnt, schon weisen Trends innerthematisch auf eine veränderte Ausrichtung hin: Weg vom „Rückblick“ auf verschiedene Kriterien (ESG) hin zur zukünftigen Entwicklung, insbesondere auch auf die Veränderungen des Pfads der verursachten Treibhausgase. – Stoff für einen interessanten Workshop von zwei bis drei Stunden bei Ihnen im Hause? Termin + Preis auf Anfrage gerne!.

Angebot Seminare, Vorträge, Workshops

Laut Scope sind in Deutschland mehr als 600 Fonds mit dem Etikett „nachhaltig“ zugelassen. Sie haben ein Gesamtvolumen von annähernd € 200 Mrd. 104 Fonds tragen das im November 2019 vergebene „FNG-Siegel 2020“ des Forum Nachhaltige Geldanlagen (FNG), für das sich 105 Fonds beworben hatten. Leider hat nahezu jeder Fonds seine eigene Interpretation von Nachhaltigkeit, was die Suche nach passenden Anlageangeboten erschwert. Trotzdem lässt sich der Markt grundsätzlich sehr schnell erschließen

In 1,5 bis 2 Stunden kann schon ein Überblick gewonnen werden, was Nachhaltigkeit ausmacht und wie „aus dem Bauch“ Geldanlagen auf ihre nachhaltige(re) Wirkung beurteilt werden können. Darüber hinaus Hinweise auf die sehr verbreiteten Irrtümer bei „grünen Illusionen“ – Nachhaltigkeit, die es auf den zweiten Blick doch nicht ist.

2019-04-12_FFF BN1

Mehr dazu: Angebote – Seminare, Vorträge, Workshops

Datenschutz/DSVO

Durch die ab 25. Mai 2018 in Deutschland geltende Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) der Europäischen Union ist der rechtssichere Versand von Mails auch wenn sie keine unmittelbare Werbung enthalten an die ausdrückliche Zustimmung der Empfänger gebunden.

Sofern Sie zukünftig gezielte und dosierte Informationen zum Thema Nachhaltigkeit in der Finanzwirtschaft per Mail erhalten möchten, bitte ich Sie unter dem nachfolgenden Link um Ihre Zustimmung, wozu ein simples „Ja“ in Verbindung mit Ihrem Namen und Ihrer Mailadresse würde genügen: Datenschutz bei Investabel®. Alternativ können Sie auch eine entsprechende Mail info@investabel.com senden.

Dies betrifft natürlich nur diejenigen Adressaten, die ihre Zustimmung bisher noch nicht gegeben haben.

Übersicht Blogbeiträge

Übersicht Nachhaltigere Finanzwirtschaft Nummern Sechsundachtzig bis Eins