Beitragsbild: comdirect finanzblog award 2020

Dr. Ralf Breuer

11. August 2020

comdirect ruft zur Blogparade für den finanzblog award. Voilà: Die Welt scheint aus den Fugen, die Märkte sind im Auf und Ab. Und wer soll da nach wissen, wie die Welt nach der Pandemie aussieht? Wie man zukunftsgerecht anlegt? Gerade darum geht es aktuell ganz besonders und das beschäftigt auch die gesamte Finanzwelt. Und es geht darum, die Gedanken vor der Entscheidung zu ordnen. Da hilft Wissen, das über das übliche „Finanzwissen“ hinaus reichen muss.

Ordnung im Kopf, wenn sonst alles in Unordnung ist

Auch jenseits von Corona schüren die täglichen Nachrichten vielfache Unruhe. Die Welt scheint in einer großen Unordnung zu sein. Fast überall und fast überall auf etwas andere Art und Weise. Da gilt es zunächst einmal, die Gedanken zu ordnen: Etwas ungewöhnlich und dabei sehr hilfreich ist das Konzept der Quirin Privatbank AG (Angebot offline): Sie unterscheidet im Anlageprozess zwischen den Faktoren Markt, Meinung und Wissen. Die Vermögensanlage wird zu 70%, 10% bzw. 20% über die drei Komponenten gestreut. Natürlich sind die Faktoren nicht unabhängig und beeinflussen sich auch gegenseitig.

Die „gedankliche“ Trennung ist aber ein guter Weg für eine strukturierte Vorgehensweise. Die Broschüre zum Konzept beschreibt drei wichtige Punkte, die oft nachlässig behandelt werden.

Klarheit, Struktur und Transparenz

Märkte sind komplex, eine Durchsicht von Empfehlungen verwirrend und in vielen Fällen auch undurchsichtig. Das findet sich erfahrungsgemäß vielfach im Depot von Anlegern wieder. Wechselweise wird angelegt oder spekuliert, mal vorgesorgt oder mal auf einen schnellen Gewinn aus der Kurserholung gehofft. Egal, ob die Spekulation dann aufgegangen ist oder nicht – die Reste bleiben nur zu oft im Depot.

Langfristig erfolgreiche Anleger*innen zeichnen sich vor allem durch Disziplin, Diversifikation und Durchhaltevermögen aus. So wie es Beate Sander aus Ulm vorgemacht hat. Hier ihre Geschichte bei cash.ch.

Wo sind Renditen systematisch, wo Zufall?

Das Risiko an den Finanzmärkten wird oft vereinfacht als „auf und ab“ ohne Frage nach den Gründen begriffen. Gründe gibt es aber nahezu immer. Fragt sich nur, ob man sie kommen sieht. Seit der Finanzkrise 2008 sind immer mehr unerwartete Ereignisse eingetreten, die die Märkte überraschend negativ beeinflusst haben, so dass einige mutmaßen, „Alle Schwäne sind schwarz“.

Bei Börsenkommentaren heißt es regelmäßig „der Markt wollte…“ als hätte er eigenen Willen. Allerdings werden Börsenkurse auch sehr stark von Maschinen mit sogenannten „Algotrades“ gemacht. Deren Anteil wird in Europa relativ stabil auf 40%, für die USA sogar auf 70% geschätzt. Gerade dann, wenn Menschen aus guten Gründen zögern, führt der automatische Handel oft zu stärkeren Kursveränderungen.

Manche absehbare Entwicklungen werden am Markt auch zunächst einmal nicht berücksichtigt bzw. „eingepreist“: Spätestens seit 1992 war der Klimawandel absehbar, spielte aber in realen wirtschaftlichen Entscheidungen keine wesentliche Rolle. Heute sind Klimarisiken akut und auch im Fokus von Finanzaufsehern und Kapitalmärkten Die Folgen aus dem Klimawandel und der Energiewende sind heute teilweise absehbar, nicht aber die mittelbaren Folgen, z.B. aus der nachfolgenden Landschaftsveränderung, Migration und möglichen gewaltsamen Konflikten.

2019-06-25 heisse Tage

Die Finanzaufseher haben dies weltweit längst erkannt und drängen immer mehr auf die Berücksichtigung von Klimarisiken – im engeren und auch im weiteren Sinne. Insofern hat sich die Welt schon deutlich verändert: Klimarisiken + Nachhaltigkeit – Neue Fokusthemen in der Finanzwirtschaft.

Für die Wirtschaft und die Kapitalmärkte sind bereits heute weitgehende wirtschaftliche Folgen spürbar: Fossile Ressourcen und ihre Verwendung entwerten Bergbauanlagen und Kraftwerke, die Diskussion von Dieselfahrverboten führt zu geringeren Fahrzeugwerten, Insolvenzen im Automobilhandel und Beeinträchtigung von Handwerkern u.a.m. Und schließlich stehen ganze Industriezweige vor einem strukturellen Umbruch, wie die Automobilindustrie durch erhöhte Anteile nicht-fossiler Treibstoffe.

Vor diesem Hintergrund sind Aspekte von Nachhaltigkeit bei Anlageentscheidungen keine Werturteile, sondern wirtschaftliche Logik

Welche Risiken sind lohnenswert, welche nicht?

Nun wird nicht alles und jedes, was in das Bild einer Energiewende passen könnte, automatisch zum (Börsen-)Erfolg. So ist die Diskussion über zukünftige Mobilitätskonzepte in vollem Gange, u.a. ist die Frage nach dem überlegenen Antriebskonzept (z.B. elektrisch oder Brennstoffzelle) eher offen.

Allerdings gibt es auch moderate Wege, in die zukünftigen Entwicklungen zu investieren, z.B. über nachhaltige Anleihen. Sie werden für Projekte zur CO2-Einsparung (Green Bonds), maritime Maßnahmen oder soziale Vorhaben immer mehr Schuldtitel zweckgebunden begeben. Während dieses Segment in Deutschland erst am Anfang der Entwicklung steht, werden in London und Luxemburg bereits respektable Volumina notiert.

2019-07-02 LGX

Quelle: Luxembourg Green Exchange

Dieser Markt wird vor allem von institutionellen Investoren dominiert, aber es werden zunehmend auch Fonds für Privatanleger zugelassen, die diese Anleihen in Misch- oder reinen Anleihefonds enthalten. Insofern verschieben sich die Grenzen der Investierbarkeit laufend. – Private Anleger und leider auch ihre Berater wissen zwar mehrheitlich vom Klimawandel, selten aber von relevanten Finanzinstrumenten.

Klimawandel, Energiewende, Nachhaltigkeit

Die globalen Marktführer der Vermögensverwaltung argumentieren sehr einheitlich: Klimarisiken werden betont, Chancen einer nachhaltigeren Entwicklung gesucht. Dabei orientieren sich die Anleger an den 17 nachhaltigen Entwicklungszielen der vereinten Nationen, den SDGs (Sustainable Development Goals). Sie sind gewissermaßen eine Zusammenfassung der Probleme der Menschheit auf dem Planeten Erde. Sie können zwar nicht in der formulierten Absolutheit (kein…) erreicht werden, markieren allerdings die Richtung einer nachhaltigeren Entwicklung.

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Wie wenig abstrakt diese Ziele sind, zeigt eine Grafik aus der Berichterstattung zur Landtagswahl in Bayern am 14. Oktober 2018. Den Wählern war nicht der Dauerzwist zweier prominenter Politiker, sondern eben eine nachhaltigere Entwicklung wichtig. Bildung, Wohnen und Klimaschutz hatten die höchsten Prioritäten. Insofern passt die Sicht der globalen Finanzinvestoren auch zu den Interessen der Menschen.

2018-10-14 Bayernwahl

Quelle: infratest dimap/www.wdr.de, Berichterstattung Landtagswahl Bayern 14.10.2018

Große globale Finanzunternehmen werden häufig in Medien zitiert und lassen die Trends an den Finanzmärkten leichter erkennen. So haben immer mehr Vermögensverwalter Nachhaltigkeitskriterien in ihre Anlagepolitik übernommen und Ressourcen verstärkt. Metzler hat als erster deutscher Vermögensverwalter ein Instrument zu Klimarisiken installiert (Pressemitteilung vom 30.7.20).

Die tatsächliche Bedeutung für das reale Investitionsverhalten ist in vielen Fällen sogar sehr transparent: Große Versicherungskonzerne legen regelmäßig ihre Anlagebestände in der Berichterstattung offen. Hier lässt sich oft gut erkennen, ob ein vermeintliches Trendthema tatsächlich auch investiert wird. Vorsicht ist allerdings bei den Tochterunternehmen für Wagniskapital (Venture Capital) angezeigt, da diese auch mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit  von Misserfolgen investieren dürfen, um parallel große Chancen nutzen zu können.

Wenig Nachhaltigkeit „aus dem Regal“

Einen Überblick über Anlagevarianten in Fonds bzw. ETFs geben die Portale vor allem der größeren Onlinebroker. Allerdings ergeben Suchen nach Nachhaltigkeit (bzw. auch ESG, SRI) leicht hunderte von Treffern. Dahinter verbirgt sich wiederum auch eine Vielfalt von Auffassungen darüber, was eine nachhaltige Geldanlage ausmachen kann/sollte, bzw. was Nachhaltigkeit überhaupt ausmacht. Insofern ist es hilfreich, sich im Vorfeld eine eigene Auffassung über Nachhaltigkeit zu bilden. Vielleicht kann hierbei auch der folgende Blogbeitrag helfen: SDG – S(innvoll) D(eponiertes) G(eld).

Fazit

Wahrscheinlich und hoffentlich liest sich in diesem Beitrag einiges anders. Leider sicherlich nicht ganz leicht. Vor nur etwa gut drei Jahren war Geldanlage und Nachhaltigkeit noch so etwas wie „Perlentauchen“: Eine Nische mit wenigen Spielern, aber einer klaren Logik, allerdings eher noch verborgen. So passten eigentlich die realen Entwicklungen und die demografischen Trends sehr gut. Dann kamen die heißen Sommer 2018 und 2019, damit verstärkt das Bewusstsein für den Klimawandel. Nicht zuletzt mit den „FridaysForFuture“ wurden nachhaltige Themen tief in die Gesellschaft und die Familien hineingetragen. Die Politik steht insbesondere beim Kampf gegen den Klimawandel und seine Folgen unter Handlungsdruck und wird sich bald bewegen müssen.

2019-03-13 Betreutes Schwänzen

#FinanzForFuture ist deshalb vielleicht eine gute Maxime für die eigene, zukunftsgerichtete Geldanlage. Finanzmärkte sind kein Roulette, nicht einfach rot oder schwarz und wenn es schlecht läuft die fällt dieNull, sondern ein – manchmal allerdings  -verzerrtes/verzögertes Bild der Realität.

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