2017-09-12_CA

Bild/Beitragsbild: Filiale der Crédit Agricole in F-30000 Nîmes, September 2017

Wundern Sie sich auch, wie wenig Sie über manche Nachbarn wissen? Bei der „Bankendichte“, der Zahl der Filialen pro 100.000 Einwohner, übertrifft Frankreich mit 53,4 Filialen mittlerweile Spanien (51,2). In Deutschland sind es derzeit 32,1. In manchen französischen Mittelstädten findet sich noch ein gutes Dutzend Bankfilialen auf einer Strecke von 500 Metern. Im Vergleich zu 2015 sank die Anzahl der Filialen 2019 um lediglich 5% auf 35.837. Dagegen wurden in Deutschland im gleichen Zeitraum 7.400 bzw. rund 20% der Bankstellen geschlossen (Quelle: ECB June 2020).

Auch ein Blick auf die Angebote von Finanzdienstleistung online bzw. mobil zeigt deutliche Unterschiede: Frankreich erscheint deutlich innovations- und risikofreudiger. Die etablierten großen Banken haben nahezu alle Angebote im Online- und Mobilbereich, führen diese aber teilweise sehr eigenständig und weit entfernt von der Kernmarke. Nachhaltigkeit ist schon länger ein Kernthema, das auch bei neuen Dienstleistern viel Aufmerksamkeit findet. Aktuell bereiten vier Projekte einen Marktstart im Herbst/Winter vor. Auch junge Menschen werden als Zielgruppe deutlich aktiver angesprochen. Deshalb lohnt ein Blick auf die „FinTech à la française“.

Dr. Ralf Breuer

4. August 2020

Nachhaltigkeit schon länger im Fokus

Vier der fünf größten Bankengruppen haben Nachhaltigkeit im ökologischen und/oder sozialen Sinne im Fokus. Bei der größten Bankengruppe Crédit Agricole schon 2017 an den Geldautomaten, die zweitgrößte Gruppe BNP Paribas reklamiert in allen Sprachen „Die Bank für eine Welt im Wandel“ zu sein (vgl. BNP Paribas Deutschland).

Ausländische Beobachter begründen den hohen Aufmerksamkeitswert von Nachhaltigkeit im Nachbarland oft mit dem Artikel 173 des französischen Energiewendegesetzes (Loi relative à la transition énergétique pour la croissance verte (TEPRCV)) von 2015 EU Kommission 30.5. (DE). Der Artikel verpflichtete Investoren mit einer Bilanzsumme von mehr als € 500 Mio. ab dem Jahr 2016 zur Berichterstattung über Klimarisiken, insbesondere

  • das Ausmaß, in dem sie umwelt- und besonders klimabezogene Überlegungen in ihre Investitionspolitik integriert haben;
  • die Treibhausgasemissionen, die in ihren Investitionen enthalten sind;
  • wie sie zur Einhaltung der französischen und internationalen Klimaziele beitragen;
  • wie hoch das finanzielle Risiko ist, dem sie durch den Klimawandel ausgesetzt sind.

Tatsächlich berücksichtigen französische Finanzinvestoren bereits seit der Jahrtausendwende verstärkt nicht-finanzielle Kriterien im Sinne einer sozial verantwortungsbewußten Mittelanlage (Socially responsible investment, SRI). Das französische „Forum für verantwortliche Investments“ FIR wurde schon im Jahr 2001 gegründet (vgl. https://www.frenchsif.org (FR)).

Keine enge Markenführung

Alle großen französischen Bankengruppen haben Angebote online und/oder mobil. Dabei fällt auf, dass die Konzepte oft relativ weit entfernt von den stationären Kernbanken geführt und oft mit sehr eigenständigen Markenbotschaften ausgestattet werden.

2020-07-31 online F

Der Marktführer https://www.boursorama.com/ (Société Générale) versteht sich als breit und tief aufgestelltes Ökosystem für Informationen aus Gesellschaft und Wirtschaft mit starker Ausrichtung auf Börsenmärkte. Hello bank! (BNP Paribas) wurde von Beginn an als mobiles Angebot für die Nutzung über Smartphones konzipiert. Entgegen der ursprünglichem Pläne nicht auch auf die deutsche Tochter Consorsbank übertragen. Sie erhielt aber das gleiche Corporate Design.

Auch die Monabanq (Crédit Mutuel) verfolgt ein eigenständiges Konzept, „das den Menschen vor das Geld stellt“. Online sollen die „traditionellen“ Eigenschaften einer Bank perfektioniert werden: Anspruchsvolle Serviceversprechen (Rückruf innerhalb von 30 Sekunden!), Schnittstellen für Schwerhörige und Gehörlose gehören ebenso zum Angebot wie alltagsorientierte Versicherungsleistungen. Das Angebot ist zudem offen für alle Personengruppen, ausdrücklich auch Arbeitslose.

Bunte Vielfalt, auch bei FinTech

Die Vielfalt der Angebote ist bei den „Neobanques“ (Neobanken) noch deutlich größer als den „Banques en ligne“ (Onlinebanken). Auch sie konnten teilweise respektable Kundenzahlen erreichen. Ein Beispiel:

Nickel ist mit 1,5 Mio. Kunden der kundenstärkste Anbieter unter den „Neobanken“. Allein im Juni 2020 kamen weitere 38.000 neue Kunden hinzu. Die Besonderheit von Nickel liegt im Vertrieb über derzeit etwa 5.500 der 34.000 staatlich lizensierten Tabakverkaufsstellen (Bureau de Tabac, „buralistes“). Nach einem Start mit relativ wenigen Betreibern 2014 wurden 2016 bereits mehr als 2.000 Kooperationen und 400.000 Kunden berichtet (https://nickel.eu/fr/qui-sommes-nous). Bis 2024 sollen in Frankreich 4 Mio. Kunden erreicht und die Aktivitäten aus sechs weitere europäische Märkte ausgedehnt werden. (N.B.: Auch in Deutschland ist der Vertrieb von (Post-)Bankdienstleistungen in Verbindung mit Glücksspiel, Tabakwaren und Zeitschriften weit verbreitet.)

Foto: Nickel

Nickel startete 2014 und wurde 2017 von BNP Paribas mehrheitlich übernommen. Die Gruppe hat damit insgesamt drei prominente elektronische Angebote mit sehr unterschiedlichen Markenkernen. Zusätzlich hat auch die Kernbank einen eigenen Onlineauftritt: https://mabanque.bnpparibas/.

Das Angebot von Nickel steht ausdrücklich allen Menschen mit einem Wohnsitz in Frankreich offen, insbesondere auch solchen, die mit einem offiziellen „Bankenbann“ (Interdit Bancaire) etwa wegen Scheckbetrugs für fünf Jahre belegt sind. Konten können für Kinder ab dem 12. Lebensjahr eingerichtet werden nickel.fr (FR).

Nickel bietet zwei Tarife (FR) „compte Nickel“ (€ 20 p.a.) und „Nickel Chrome“ (€ 50 p.a.). Dafür erhalten die Kunden ein Konto mit IBAN und eine Mastercard Debit. Gegen weitere Gebühren gibt es die Möglichkeit, bei den „buralistes“ Ein- (0,5%) und Auszahlungen (2%) abzuwickeln. Auszahlungen an Geldautomaten werden innerhalb des SEPA-Gebiets mit pauschal € 1 belastet. Nickel Chrome beinhaltet zusätzlich eine Personalisierung und begrenzte Farbwahl der Karte, einige Kostenvorteile und ein Versicherungspaket für Reisen, Internetkäufe, Papiere und Wertsachen inkl. Auto- und Wohnungsschlüssel. Die Gebühren werden mit einem transparenten Schlüssel mit den Verkaufsstellen geteilt, so weit sie für Nickel tätig werden. Der Aktivierungsprozess wird mit fünf Minuten angegeben. – Auch bei anderen Anbietern sind alltagsorientierte Versicherungen, z.B. für den Verlust von Ausweispapieren, Wertsachen, Schlüsseln etc. sehr verbreitet.

Foto: Nickel

Weitere kundenstarke Angebote in Frankreich sind nach Schätzung des Portals CultureBanque N26 (600 000), Revolut (500 000) und Orange (250 000). Das Angebot der Einzelhandelsgruppe Carrefour  C-Zam (120 000) wurde zum 15.7.2020 nach nur drei Jahren wieder eingestellt. Bei C-Zam handelte es sich um ein Konto mit einer sofort aktivierbaren Mastercard, die in den Filialen erworben werden konnte.

C-zam carte.png

FinTech für Kinder und Jugendliche

Bei Finanzdienstleistungen für Kinder und Jugendliche sind eine ganze Reihe von Angeboten und Projekten aktiv. Auch hier ein scharfer Gegensatz zu Deutschland, wo diese Zielgruppen eher vernachlässigt erscheinen (vgl. hier im Blog Modern Banking – BankingForFuture?Nachhaltigere Finanzwirtschaft – Nummer SiebenundachtzigNachhaltigere Finanzwirtschaft – Nummer Achtundachtzig. Während Nickel sein Angebot „auch“ für Kinder ab 12 Jahren zugänglich hat, wurden bei einer ganzen Reihe von Anbietern altersgerechte Funktionen, Bildungskomponenten und/oder spielerische Elemente eingebaut. Diesen Angeboten wird ein eigenständiger Beitrag gewidmet

FinTech für Nachhaltigkeit und Klimaschutz

Aktuell sind gleich vier FinTech mit dem Kernthema Klimaschutz projektiert. Die Starts sind für den Herbst 2020 bzw. den Winter 2020/21 geplant. Die Angebote folgen ähnlichen Grundlinien: Grün, klimafreundlich, transparent und ehrlich. Einige Anbieter möchten eine „Wirkungsmessung“ (meist „CO2-Fußabdruck“) für die geleisteten Zahlungen anbieten, die allerdings auch schon bei etablierten Anbietern wie BNP Paribas verfügbar ist (s.u.). Interessant am Rande ist, dass die französischen Kollegen vom Blog Ma-Neobanque immer wieder den nicht in Frankreich tätigen deutschen Anbieter Tomorrow („Mobiles Banking für ein besseres Morgen“ – Start 11/2018, aktuell rd. 36.000 Registrierungen) als Vergleich bzw. Maßstab bei der Einschätzung der französischen Projekte heranziehen.

OnlyOneCard

Das fortgeschrittenste Projekt ist OnlyOneCard und will im September 2020 starten.

Bild: https://onlyonecard.eu/compte-onlyone/

OnlyOneCard nutzt einschlägige Botschaften wie #bankingforabetterworld, „Die Bank muss der Welt dienen“ (La banque doit servir le monde), „Die Bankenwelt revolutionieren“ (Revolutioner le monde bancaire), „Eine 100% nachhaltige Welt“ (Un monde 100% durable). Als Mittel wird eine Analyse des CO2-Fußabdrucks (der Kartenzahlungen), eine Optimierung der persönlichen (Aus-)Wirkungen sowie die Auswahl und Förderung von nachhaltigen Projekten angeboten.

Der Monatspreis für ein Konto mit einer Mastercard Debit soll €6 p.m. betragen. Die Karten sollen sowohl virtuell als auch physisch angeboten werden. Das Kartenmaterial soll zu 85% aus wiederverwertetem PVC bestehen.

Von der Monatsgebühr will OnlyOneCard jeweils € 1 für Projekte abführen. Dies ist auch für 10% der Unternehmensgewinne geplant. Als Projektbeispiel nennt OnlyOneCard unit life genannt, eine Einrichtung des des UN Kapitalentwicklungsfonds zur Verbesserung der Ernährungssituation von Frauen und Kindern in ärmeren Regionen. Unit life führt OnlyOne bereits als Partner.

Die Anzahl der kostenlosen Barabhebungen soll auf monatlich vier begrenzt werden. Als Begründung wird die Umweltbelastung bei häufigeren Abhebungen genannt. In das Angebot soll eine „Wirkungsmessung“ (Score d‘impact) für die geleisteten Zahlungen integriert werden. Die Funktion wird nur recht vage beschrieben (http://help.onlyonecard.eu/fr/articles/4140069-comment-marche-votre-score-d-impact-environnemental). Sie soll aus einem „CO2-Fußabdruck“ und einer Bewertung der Umweltwirkungen im Produktzyklus (Rohstoffe, Herstellung, Verpackung, Transport, Gebrauch usw. bis zur Entsorgung) bestehen. Hierbei kann es sich aufgrund der vorhandenen Daten nur um eine äußerst überschlägliche Indikation handeln. Laut „FAQ“ ist sogar geplant, Anfang 2021 weitere Bankverbindungen in dieser Funktion zu integrieren. – Die Kollegen von Ma-Neobanque beschreiben dieses Angebot zu recht als eher „spielerisch“ oder sogar „amüsant“. Zum Wert solcher Angebote mehr weiter unten.

Helios

Der Start von Helios ist für den Herbst 2020 geplant. Für € 6 pro Monat ist ein Girokonto mit Karte (Partner noch offen) geplant. Für die Transaktionen sollen auf der Grundlage der Zahlungsempfänger CO2-Werte ermittelt werden, für die Helios ohne Zusatzgebühren für die Kunden Teilkompensationen erwirbt. Die Kundendaten sollen auschließlich für die persönlichen Emissionswerte und personalisierte Vorschläge für Einsparungen verwendet werden.

Carte bancaire Helios

Der Grad der Kompensation und die Projektpartner für die Durchführung sind noch offen. Bei der Ermittlung der Emissionswerte will sich Helios offenbar an einem laufenden Projekt „score carbone“ orientieren. Gemäß der Abbildung sollen z.B. Lebensmittel ähnlich wie Haushaltsgeräte nach ihren Emissionsklassen eingestuft werden. Laut FAQ-Seite basieren diese allerdings lediglich auf Werten für die Eigenemissionen (Scope 1) und den Energiebezug (Scope 2). Bei den meisten Unternehmen deckt dies allerdings nur 20 bis 25 % der gesamten Treibhausgase ab. Der größte Emissionsanteil stammt regelmäßig aus dem sogenannten „Scope 3“ und damit aus dem Fremdbezug bzw. Auslagerung von (Dienst- und Fertigungs-)Leistungen und/oder der Verwendung hergestellter Produkte.

Helios hat nicht dargestellt, wie die Daten über den Konsum erhoben werden. Die Zahlungsdaten lassen nur auf den Handelspartner, nicht aber auf die gekauften Waren schließen. Diese lassen sich im Regelfall nicht einmal mit den Kassenbelegen hinreichend genau spezifizieren.

Quelle: Le Point 1.7.2020

Green-Got

Green-Got will zum Jahresende 2020 an den Markt. Nach bisherigem Stand soll sich ein Konto mit Zahlungskarte angeboten werden. Die erwarteten Gebühren sollen bei € 6 p.m. Der Kartenpartner steht noch nicht fest.

2020-08-03 green-got

Die Zahlungsfunktion soll mit der Möglichkeit des Aufrundens (arrondi) ausgestattet werden. Hierdurch können maximal € 0,50 pro Tag in einen persönlichen Spendentopf (cagnotte personnelle) fließen, der für die Finanzierung von Aufforstungsprogrammen verwendet wird. Die Funktion soll jederzeit aktiviert oder deaktiviert werden können.

Unter den Möglichkeiten der Füllung  des Spendentopfes ist neben dem Aufrunden nur die Kundenwerbung (parrainage) genannt. Die Werbeprämie soll jeweils ein gepflanzter Baum für die werbende und die geworbene Person sein. Die Kosten pro Baum beziffert Green-Got mit € 1,50 -3,50. Projektpartner und Zielregionen sind nicht genannt.

Green-Got hat für die Mittelverwendung den Anspruch, selbst eine CO2-arme „Bank“ zu werden. Investitionen sollen zielgerichtet auf den Klimaschutz erfolgen. Hierzu bezieht sie sich auf für Banken ermittelte Emissionswerte von Oxfam bzw. Rainforest (Les émissions de CO2 associées à nos comptes bancaires me paraissent énormes, êtes-vous bien sûrs de vos chiffres ?) und hat auf der Internetseite einen Vergleichsrechner für Banken integriert.

Green-Got möchte Partner im Handel werben, deren Handeln als besonders ökologisch verantwortungsbewusst gilt und die den Kunden Rabatte bzw. andere Vorteile gewähren.

Luseto

Luseto („Die verantwortungsbewußte Bank“ – La Banque responsable) positioniert sich „Die Bank mit positiver Wirkung, für alle“ und befindet sich noch in einer frühen Projektphase. Der Start wurde für den Jahresanfang 2021 avisiert. Als Leistungsangebot sind ein Konto mit Zahlungskarte sowie eine nachhaltige Lebensversicherung angekündigt. Der Monatspreis soll gemäß der Projektseite € 3,99 betragen.

Als Ergänzung ist ein „Solidarischer Spendentopf“ (Cagnotte Solidaire) für wohltätige Zwecke geplant, über dessen Verwendung die Nutzer entscheiden. Das Unternehmen will einen Teil der Gewinne hierfür bereitstellen. Wie weitere Mittel der Kunden einfließen sollen, ist auf der Seite nicht ausgeführt.

Zahlung und Wirkung – faszinierend aber äußerst vage

Die Messung von Umweltwirkungen von Konsumausgaben über geleistete (Karten-)Zahlungen ist eine auf den ersten Blick nahe liegende Idee. Schließlich liegen in Deutschland die privaten Konsumausgaben ohne feste vertragliche Bindung wie Wohnen, Versicherungen und Telekommunikation bei täglich etwa € 2 Mrd. Allerdings enthalten die Zahlungsdaten nur rudimentäre Informationen der übermittelten Daten nur zu sehr vagen Ergebnissen führen. Nicht einmal die Kassenbelege lassen zumeist hinreichend präzise auf die gekauften Waren schließen. Da die Umweltwirkungen innerhalb der aufgeführten Produkte (Fleisch – Rind, Schwein oder Geflügel?) bzw. deren Produktion, Verpackung, Lagerung und Transport (Tomaten – bio, regional und saisonal oder per Flugzeug von den Kanaren?) schließen. Bei vielen Waren spielen zudem noch weitere Faktoren eine Rolle, z.B. die Produktionsbedingungen in der Textilindustrie.

Und natürlich betreffen die Kartenzahlungen nur einen Teil der für die Verursachung von Treibhausgasen verantwortlichen gesamten  Konsumausgaben.

Quelle: Umweltbundesamt

Nach einer Untersuchung der niederländischen Zentralbank differieren sogar die Zahlungsverfahren in ihren Umweltwirkungen DNBulletin: Debit card payments have slightly lower environmental impact than cash payments, 15.10.2018. Danach führen Kartenzahlungen nur zu etwas geringeren Umweltbelastungen als Bargeld – je nach Infrastruktur (Terminal oder QR) dürften diese noch weiter variieren.

BNP Paribas hat bereits in mehreren Angeboten eine Funktion zur Messung des CO2-Fußadrucks bei Zahlungen integriert. Bei hellobank.fr und mabanque.bnpparibas wird bei den Erläuterungen völlig zutreffend und klar auf den sehr vagen Charakter solcher Funktionen verwiesen: Nur für einige Leistungen (Treibstoff, Wohnen, regelmäßige Dienstleistungen wie Telekommunikation) seien die Rückschlüsse hinreichend präzise. Ansonsten können die Wirkungen auch innerhalb von Produktkategorien nicht präzise bestimmt werden (Lebensmittel, Bekleidung), da Produktionsverfahren, Verpackung, Transport, Lagerung und Distribution zu sehr erheblichen Streuungen führen.

Für die französischen Angebote nutzt BNP Paribas das Angebot von Greenly (EN). Greenly bietet sehr interessante und hilfreiche Informationen zu den Umweltwirkungen privater Konsumausgaben. Greenly vermittelt (in französischer Sprache) einen sehr guten Eindruck von dem verwendeten Ansatz und seinen Schwächen bzw. Grenzen (vgl. https://www.greenly.earth/methodologie-de-calcul#Alimentation).

Dies ist bei dem von der US-Tochter Bank of the West verwendeten Werkzeug der schwedischen Doconomy leider nicht im gleichen Maße der Fall (vgl. Fußnote 2 (EN)). Auch das Angebot einer „100% kompostierbaren“ Kreditkarte ist von zweifelhaftem Wert, wenn Chip, Magnetstreifen, Druckfarbe und Hologramm nicht eingeschlossen sind (Fußnote 3).

Zahlungskarte – das bisschen Plastik?

Die führenden Zahlungsdienstleister haben die Tragweite der Umweltbelastungen physischer Zahlungskarten längst anerkannt: Es gibt eine Reihe von Initiativen, zuletzt prominent von Mastercard, Press Release 22.7.2020 kommuniziert. Mastercard schätzt die Jahresproduktion von Karten auf 6 Mrd. mit einem Materialeinsatz von 5,7 Mio. Tonnen, überwiegend PVC. Leider werden „kompostierbare“ und aus der Wiederverwertung entstandene Materialien immer wieder als vergleichbar eingestuft.

Da aber Karten aus Bio-Kunststoffen in Konkurrenz zu Nahrungsmitteln stehen und auch weiterhin Chips und Magnetstreifen aus wertvollen Rohstoffen benötigen, sind sie eher eine zweifelhafte Werbemaßnahme (Karte bio, alles gut? – Leider nicht…). Karten aus Kunststoffmüll aus dem Meer (Recovered Ocean Plastic, cpi) oder Industrieabfällen (Upcycled Plastic, cpi) erscheinen deutlich sinnvoller. Visa will letzteres Material für die „Visa EarthwiseTM High-Content Card“ verwenden (vgl. Nachhaltigere Finanzwirtschaft – Nummer Neunundachtzig).

Ein Geschäft mit dem guten Willen?

Der Wunsch und die Bereitschaft der Zielkunden für nachhaltige(re) Finanzdienstleistungen, den eigenen Beitrag zu überdenken, Anpassungen im eigenen (Konsum-)Verhalten vorzunehmen und ggf. auch höhere Gebühren zu akzeptieren, ist in der jüngeren Vergangenheit deutlich gestiegen. Neue Anbieter weltweit verweisen dabei sehr gerne auf Werte, die den klassischen Banken oft abgesprochen werden: u.a. Transparenz und Ehrenhaftigkeit. Beides findet sich in einer Vielzahl von „Missionen“ bzw. Botschaften auf den Internetseiten von Angeboten mit Nachhaltigkeitsanspruch.

Es wäre wohltuend, wenn die Ansprüche auch durchgängig von den neuen Anbietern gelebt würden. Die Mehrzahl tut dies offenbar bzw. kann den Beweis ohne Verdachtsmomente antreten. Allerdings findet sich auch so mancher „Grenzgang“. Fehlende Offenlegung der Methodik und Hinweise auf die Ungenauigkeit bei der „Messung“ von Klimawirkungen sind leider ebenso häufig zu finden wie die großsprecherige Garnierung mit „Big Data“ und „Künstlicher Intelligenz“. Das mag den „guten Glauben“ der Kunden fördern. Ist in der Sache aber nicht im Sinne präziser Ergebnisse zu argumentieren.

Ja, Geschäft mit dem guten Willen!

Nachhaltigkeit im allgemeinen und insbesondere Klimaschutz sind Themen, mit denen auch bei Finanzdienstleistungen Kunden angesprochen werden. Bäume (schützen oder pflanzen) und CO2 kompensieren sind aktuelle Trendthemen, die sich zu den klassischen Wohltätigkeitsthemen Kinder und Tiere gesellt haben. Dies gilt nahezu global wie einige Beispiele z.B. für China (Green Digital Finance), USA (s.o. oder Aspiration) und auch in Deutschland (Tomorrow, aktuell – 4.8.2020 – etwas über 36.000 Registrierungen) sowie die aus Frankreich berichteten Projekte.

Bild

Foto: Aspiration via Twitter – Autoaufkleber zur Funktion „Planet Protection“ bei dem Kartenangebot „Aspiration PLUS“. Bei Kartenzahlungen werden Kompensationen für die gekauften Treibstoffe erworben.

Allerdings finden sich auch Hinweise auf die mehr werbliche Nutzung der Themen. Vollmundige Transparenzversprechen in Verbindung mit Intransparenz bei üppigen Monatsgebühren sollten längerfristig weder der Sache noch den Anbietern nutzen.

Vor diesem Hintergrund ist es erfreulich, dass sich zumindest in Frankreich auch bei dem gern genutzten Trendthema schon ein Wettbewerb unter den FinTech-Projekten erkennen lässt. Dies zeichnet sich auch bei den Angeboten für Kinder und Jugendliche ab, wie zeitnah in einem weiteren Beitrag dargestellt werden wird.