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Interview Claudia Müller, Female Finance Forum

29. Juli 2020

Eine Reihe von Blogs bzw. Bloggerinnen widmet mich sich dem Thema „Frauen und Finanzen“. In einem Interview mit Claudia Müller, Autorin, Bloggerin und Gründerin des Female Finance Forum, wird beleuchtet, warum sich für Fragen teilweise andere Fragen stellen als für Männer. – Dr. Ralf Breuer

Female Finance Forum – Finanzinformationen von Frau für Frau(en). Wie entstand die Idee bei Dir?

Ursprünglich wollte ich mich gar nicht auf Frauen konzentrieren, sondern auf Nachhaltigkeit. Nachhaltige Geldanlage war das Thema, für das ich bei der Bundesbank zuständig war, und ist weiterhin mein Herzensthema. In der Vorbereitung habe ich allerdings immer wieder gesehen: Frauen haben andere Bedürfnisse und Hürden, die eine andere Dringlichkeit und auch Herangehensweise an das Thema Finanzen mit sich bringen.

„Geld ist freundlicher zu Männern“. Was meinst Du damit?

Zunächst unterscheiden sich die Lebensrealitäten zwischen Männern und Frauen:

• Geschlechterspezifische Lohnlücke: Frauen verdienen im Durchschnitt weniger als Männer. Das wirkt sich sowohl auf unser Einkommen aus (Lohnlücke), als auch auf unsere Rentenpunkte (Rentenlücke), und auch auf unsere Möglichkeit, Geld zu sparen und zu investieren (Investitionslücke).

• Lebenserwartung: Frauen werden im Schnitt etwa fünf Jahre älter als Männer. Das heißt, dass wir mit weniger Geld länger leben – wir müssen also ganz anders planen und sparen.

• Kinder: Meistens sind es Frauen, die länger Elternzeit nehmen und/oder danach in Teilzeit arbeiten. Dementsprechend bekommen Frauen weniger Rente und haben zudem weniger Möglichkeiten, Geld beiseite zu legen. Nach einer etwaigen Trennung oder Scheidung bleiben die Kinder meistens bei der Frau. So toll Kinder sind – sie sind teuer. Wenn wir alleinerziehend sind, ist es sehr schwierig, voll zu arbeiten. Wir verdienen dadurch wieder weniger als die Männer (von den Karriereaussichten ganz zu schweigen), während wir gleichzeitig durch die Kinder höhere Kosten haben.

• Pflege: Der Großteil der Pflege von Angehörigen (übrigens selbst, wenn es die Angehörigen des Mannes sind) wird von Frauen übernommen. Dies birgt ähnliche finanzielle Hürden wie das Kinderkriegen.

• Trennung: Im Normalfall wird alles Vermögen, das während der Ehe-Zeit hinzuverdient wurde, zum Zeitpunkt der Scheidung zu gleichen Teilen auf die beiden Partner aufgeteilt. Das gilt für eine Immobilie ebenso wie für die Rentenpunkte. Allerdings tritt die durchschnittliche Scheidung in Deutschland nach 14 Jahren ein. Ab diesem Zeitpunkt ist jeder Partner auf sich selbst gestellt. Für Männer sind das häufig die „fetten Jahre“ mit hohem Gehalt und hohen Rentenansprüchen; für Frauen, die weiterhin die gemeinsamen Kinder betreuen, sind das weiterhin eher magere Jahre. Während dieser Zeit ist der (häufig besserverdienende) Partner nicht mehr unterhaltspflichtig.

•  Diese Unterschiede sollten bei der Finanzplanung beachtet werden. Hinzu kommt eine andere Herangehensweise an das Thema Geld:

• No risk, no fun? Entgegen aller Klischees: Frauen sind nicht risikoscheu. Wir sind risikobewusst. Das heißt, dass wir mehr Informationen haben wollen, bevor wir eine Entscheidung treffen. Das führt dazu, dass wir sehr gute Investorinnen sind. Gleichzeitig führt das auch dazu, dass wir länger brauchen, bis wir eine Entscheidung treffen. Und das bedeutet verlorene Zinseszinsen und somit weniger Gewinn auf unsere Investitionen, einfach weil wir später anfangen.

• Trau dich – lieber nicht? Bereits in der Schule sind Mädchen in MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) zurückhaltender als in anderen Fächern – allerdings nur, wenn auch Jungs in der Klasse sind. Dasselbe Verhalten lässt sich beim Thema Finanzen erkennen: Männer dominieren, Frauen halten sich zurück, insbesondere bei einem männlichen Finanzberater.

• Verkauf oder Empfehlung? Wir Frauen legen hohen Wert auf die Empfehlungen unseres Umfelds, insbesondere unseres weiblichen Umfelds. Wenn aber über Geld nicht geredet wird, kann uns niemand etwas empfehlen. Zudem sind die Finanzberater meistens männlich und haben ein Interesse daran, uns ein Finanzprodukt zu verkaufen, anstatt uns zu beraten.

Es gibt einige Blogs wie Geldfrau, Femance, Madame Moneypenny und bei Dir „Female Finance Forum“. Warum sind spezielle Informationen für Frauen sinnvoll?

Wie bereits beschrieben, gibt es Unterschiede in den Lebensrealitäten (und damit dem Bedarf an finanzieller Planung), als auch in der Herangehensweise. Besonders spannend ist auch die Dynamik bei Veranstaltungen: Frauen trauen sich häufig eher, Fragen zu stellen, wenn keine Männer mit im Raum sind. Meine Veranstaltungen sind ein geschützter Raum, in dem Privatsphäre garantiert ist und in dem es keine dummen Fragen gibt.

Dein im Februar erschienenes Buch Finanzen – Freiheit – Vorsorge hat im Untertitel „nicht nur für Frauen“. Also vielleicht doch nicht so ganz speziell?

Wir bewegen uns alle in demselben Finanzsystem, zahlen dieselben Steuern und stehen vor ähnlichen Fragen. Daher sind die ganzen Tipps zur Geldanlage identisch und für alle Menschen relevant. Außerdem finde ich es wichtig, dass auch Männer verstehen, wie sich z.B. ein Kind auf die Karriere ihrer Partnerin auswirkt. Ich möchte keine „Männer gegen Frauen“-Debatte bewirken. Im Gegenteil: Wir sind ein Team und sollten uns gemeinsam bestmöglich aufstellen.

Eine im Juli 2020 von der Neuen Züricher Zeitung veröffentlichte Umfrage zu geschlechtspezifischen Verhaltensmustern legt nahe, dass Anlegerinnen eher weniger Wert auf das Thema Nachhaltigkeit legen. Kann das richtig sein, da doch so viele Blogs und Magazine mit Nachhaltigkeit eher weibliche Interessenten ansprechen wollen?

Meiner Erfahrung nach interessieren sich viele Frauen für nachhaltige Geldanlagen. In der Wahrnehmung vieler Frauen erhöht dieser zusätzliche Aspekt die Komplexität und wirkt daher tendenziell abschreckend, aber in meinen Veranstaltungen sind die häufigsten Fragen: Wie lege ich mein Geld nachhaltig an? Und: Wie kann ich für mein Kind vorsorgen?

Gibt es überhaupt Angebote, die sowohl typisch weibliche Bedürfnisse als auch den Wunsch nach nachhaltigen Anlageangebote bedienen können oder müssen die selbst gesucht und gefunden werden?

Ich finde, die Informationen auf meiner Seite sind relativ geschlechterneutral gehalten mit der Ausnahme, dass ich immer die weibliche Form verwende. Männer sind natürlich mitgemeint. Und es gibt viele Informationen zur nachhaltigen Geldanlage. Das Female Finance Forum ist also genau so ein Angebot, das weibliche Bedürfnisse und nachhaltige Geldanlage bedient.

Herzlichen Dank, liebe Claudia!

Das von der Bloggerin Claudia Müller gegründete Female Finance Forum ist eine Gemeinschaft, in der sich Frauen austauschen, gegenseitig unterstützen und von- und miteinander lernen. Durch diese Gemeinschaft unterstützen wir uns gegenseitig, unsere Vorsätze umzusetzen und die Hürden vor dem Thema Finanzen abzubauen. Kontakt: claudia@femalefinanceforum.de

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Foto: Abbi Wensyel Photography