Sustainable Finance Gipfel Deutschland

Der „Hub for Sustainable Finance Germany (H4SF)“ lud für den 23.10.2017 zum „Sustainable Finance Gipfel Deutschland“ in Frankfurt ein. Die Veranstaltung mit einem dichten Programm war mit mehr als 150 Anwesenden und weiteren 80 Beobachtern in einem Livestream sehr gut besucht. Ein Videomitschnitt ist über den obigen Link verfügbar. – Die Veranstaltung ist ein Meilenstein auf dem Weg zu einer Nachhaltige(re)n Finanzwirtschaft in Deutschland. Nachfolgend einige (subjektive) Eindrücke von der Veranstaltung. Weitere Eindrücke finden sich unter den nachstehenden Links sowie auf Twitter unter #SFGD bzw. #H4SF.

Beitragsbild: Rat für Nachhaltige Entwicklung

24. Oktober 2017, ergänzt 25. Oktober 2017

Dr. Ralf Breuer

Deutschland im Rückstand

Der „Hub for Sustainable Finance“ startet auf der Grundlage einer wenig positiven Diagnose: „Deutschland hinkt im europäischen Vergleich bei dem Thema “Sustainable Finance” hinterher – so die Diagnose. Ein “Hub for Sustainable Finance” könnte Bewegung in die Entwicklung bringen. Der Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) und die Deutsche Börse AG arbeiten seit Sommer 2017 gemeinsam daran, ihre Nachhaltigkeitsaktivitäten im Finanzsektor zu koordinieren und weiter voranzutreiben.“ (www.nachhaltigkeitsrat.de).

Ein Blick in die Nachbarländer und einige andere europäische Länder bestätigt dies. Einige Informationen am Beispiel Frankreich im Beitrag Nachhaltigere Finanzwirtschaft – Nummer Zwölf.

Dichtes Programm

Der Sustainable Finance Gipfel Deutschland hatte eine sehr lange und dichte Agenda, die fast ohne Powerpointfolien in einen offenen Austausch der Anwesenden mündete. In insgesamt sieben Panels und drei Referaten wurden die verschiedenen Problemfelder für ein „Mehr“ an Nachhaltigkeit in der deutschen Finanzwirtschaft beleuchtet.

Die Veranstaltung basierte auf den Thesenpapier des Steuerungskreises: „Thesenpapier:

Die Thesen wurden vom Steuerungskreis des Hub for Sustainable Finance (H4SF) mit dem Ziel entwickelt, die wichtigsten Handlungsfelder zur Umsetzung eines nachhaltigen Finanzsystems zu definieren. Sie speisen sich aus der inhaltlichen Schnittmenge zwischen dem Interimsbericht der High Level Expert Group on Sustainable Finance der EU Kommission, der PRI Roadmap für Deutschland, dem Living Document Sustainable Finance des Rates für Nachhaltige Entwicklung, der Zielsetzung der Accelerating Sustainable Finance Initiative der Deutschen Börse und den Empfehlungen der Task Force on Climate-related Financial Disclosures des Finanzstabilitätsrates. Originalquellen unter folgendem Link

1. Der Politik kommt eine impulssetzende Rolle als Gestalterin zu, die sie bislang noch
nicht ausreichend wahrnimmt.

2. Der Staat muss seine Vorbild- und Lenkungsfunktion zur konkreten Umsetzung einer Nachhaltigkeitsstrategie voll wahrnehmen.

3. Nachhaltiges Finanzieren erfordert ein neues Verhältnis zwischen Staat und
Finanzwirtschaft, das gesellschaftlichen Zielen und allgemeiner Integrität dient. Dies
verlangt eine strategische Ausrichtung und Steuerung mit Indikatoren und Zielen.

4. Es bedarf derIdentifikation und Entwicklung geeigneterInstrumente, um die
Infrastrukturen der Zukunft zu finanzieren.

5. Das Wissen und die Kompetenzen um treuhänderische Pflichten und die spezifische
Verantwortung in der Finanzwirtschaftist weiterzuentwickeln.

6. Die Finanzwirtschaft in Deutschland sollte einen sichtbaren Beitrag leisten, um die
globalen Nachhaltigkeitsziele zu erreichen.

7. Integriertes Nachhaltigkeitsmanagement sollte selbstverständlicher Bestandteil
unternehmerischen Verhaltens aller Marktakteure sein.

8. Eine gute Berichterstattung ist eine wichtige Grundlage zur Bewertung gesellschaftlicher Beiträge von Wirtschaft und Finanzindustrie. Qualität, Verfügbarkeit und Vergleichbarkeit der Daten sind deutlich auszubauen.

9. Nachhaltigkeitsaspekte müssen Eingang finden in die Risikokultur der Finanzwirtschaft.

10. Institutionelle Investoren sollten ihren Einfluss als Aktionäre aktiv und
verantwortungsvoll ausüben.

Diese Thesen wurden im Laufe des Tages im wesentlichen bestätigt und bilden die Leitlinien für die weitere Arbeit des H4SF.

Lieber unvollkommen anfangen, als perfekt zögern

Michael Schmidt, Geschäftsführer der Deka und einziges deutsches Mitglied der hochrangigen Expertengruppe der EU-Kommission (High-Level Expert Group on Sustainable Finance, HLEG), leitete das Programm mit einem Zitat von Thomas Alva Edison ein „Es ist besser, unvollkommen anzupacken, als perfekt zu zögern“.

2017-10-24 Apathy

In seinem Grußwort charekterisierte der hessische Staatsminister Tarek Al-Wazir eine nachhaltigere Finanzwirtschaft als „nachhaltig alternativlos“. Dr. Ludger Schuknecht vom Bundesministerium der Finanzen forderte die Finanzwirtschaft auf, in Sachen Nachhaltigkeit nicht nur „Maker und nicht nur Taker“ zu sein.

Der Vorsitzende der HLEG, Christian Thimann, Head of Regulation, Sustainability & Insurance Foresight AXA Group, stellte in seinem Impulsreferat die fünf Kernthemen des Zwischenberichts der HLEG vor, die auch die verschiedenen Akteure und die von Ihnen notwendigen Maßnahmen ansprechen. Dabei sind politische Instanzen ebenso gefordert wie die Akteure an den Finanzmärkten.

In seiner Keynote „Die Rolle von Notenbanken in einem nachhaltigen Finanzsystem“ referierte Vorstandsmitglied Prof. Dr. Joachim Wuermeling den Arbeitsstand bei der Deutschen Bundesbank. Nachhaltigkeit wirkt hier in die verschiedenen Aufgabengebiete Finanzmarkt- und Bankenaufsicht, Geldpolitik und die Fremdportfolioverwaltung hinein.

Prof. Wuermeling schloss seine Ausführungen mit einem klaren Appell: „Meine Damen und Herren, Vernetzung und Reden ist wichtig. Dafür sind wir hier. Das ist die wichtige Aufgabe des Hub for Sustainable Finance. Es ist aber genauso bedeutsam, dass wir morgen in unsere Institutionen und Unternehmen zurückgehen und den Worten Taten folgen lassen. Diese Konferenz kann ein Startpunkt sein. Denn Nachhaltigkeit entsteht nicht nur durch Diskussionen, sondern vor allem durch Handeln.“

Wahrnehmungs-/Bewusstseinschwäche(n) ?

Nur wenige deutsche Kreditinstitute außerhalb der ethisch oder ökologisch geprägten Gruppe stellen die geschäftspolitische Bedeutung von Nachhaltigkeit so stark heraus wie die Kreissparkasse Köln, die mit ihrem Vorstandsmitglied Dr. Klaus Tiedeken im Panel II vertreten war. Auch die Ausführungen von Dr. Henrik Pontzen, Trinkaus & Burkhardt AG, im Panel I ließen erkennen, dass Nachhaltigkeitskriterien als Leitlinien der Unternehmensführung anerkannt werden.

Nachhaltig orientierte Produktangebote sind in Deutschland noch ein Nischenmarkt. Michael Schmidt stellte in seinen abschließenden Bemerkungen vor diesem Hintergrund die Frage in den Raum, ob die deutsche Finanzwirtschaft in Bezug auf nachhaltige Produktangebote einer Wahrnehmungs- oder Bewußtseinsschwäche unterliegt. Da Nachhaltigkeit als geschäftspolitisches Thema im benachbarten Ausland bereits sehr prominent positioniert ist, spricht einiges für diese These.

Leider besteht der ungesunde Eindruck, dass nachhaltige oder ökologische Themen vor allem leicht zu erhöhten Risiken und/oder in die Schmuddelecken der Finanzwirtschaft führen könnten. Über entsprechend schlechte Erfahrungen berichtete auf dem Gipfel auch Prof. Bachmann vom Rat für Nachhaltige Entwicklung. Ein Bericht in ÖKO-Test 4/2017 (S. 128ff., Grüne Geldanlage – Wenig Licht, viel Schatten) stützt eine solche Beobachtung. Alternativ werden Anlagen beschrieben, die aufgrund ihrer mangelnden Transparenz eher zu verwirrenden Ergebnissen führen (ÖKO-Test 10/2017, S. 66ff., Nachhaltige Indizes und Indexfonds – (K)eine bessere Wahl. Die guten Anlagekonzepte bleiben dabei leider im Hintergrund.

Dass die Berücksichtigung von Werten keinesfalls die Rendite schädigen und das Risiko erhöhen muss, ist in Fachkreisen anerkannt. Große professionelle Investoren (wie z.B. Pimco) orientieren sich mittlerweile an den globalen nachhaltigen Entwicklungszielen (SDGs) als Richtungswerte bei ihren Anlageentscheidungen.

Versuch einer kurzen Synopse

Das sehr dichte und ausführliche Programm beleuchtete viele Facetten des Themas. Nachstehend die Kernpunkte in einer stark verkürzten persönlichen Sicht:

  • Gesetzgeber und Aufsichtsbehörden sollten die Finanzwirtschaft zu Nachhaltigkeit motivieren. Hierzu müssen auch Voraussetzungen derart geschaffen werden, dass das Rechnungswesen sich an einem längeren Zeithorizont ausrichtet und längerfristige, weniger liquide Finanzierungen als Beitrag zur Nachhaltigkeit nicht länger durch erhöhte Kapitalanforderungen sanktioniert werden.
  • Unter den genannten Voraussetzungen sollten die Akteure an den Finanzmärkten ihre Geschäftsmodelle längerfristig auslegen und damit zu einer nachhaltigen Stabilität der Finanzmärkte beitragen.
  • Nachhaltigkeit muss insgesamt stärker in den Fokus der Geschäftspolitik rücken. Bislang ist die Thematik eher „beauftragt“ und nur mit knappen Ressourcen ausgestattet. Ist entspricht den Herausforderungen, denen sich die Branche  gegenüber sieht. Vgl. Digitalisierung, Regulierung und Nachhaltigkeit mit engen Verbindungen.
  • Eine gewisse Uneinigkeit besteht in den Kundenwünschen: Fehlt das Produktangebot oder ist die Nachfrage (noch) zu gering. Auch wenn die aktive Kundennachfrage relativ gering ist, so ist die passive Aufnahme sehr positiv. Leider fehlt es aber an Produkten und Beraterwissen. Der gesellschaftliche  Trend zu Nachhaltigkeit ist unbestritten. Eigentlich Grund genug, an passenden Angeboten zu arbeiten. Und es besteht eigentlich hinreichend Eigeninteresse: Nachhaltigkeit als Überlebensstrategie der Finanzwirtschaft 2.0. Die wenigen Angebote in Deutschland sprechen insgesamt für eine Bewusstseinsschwäche in der Finanzwirtschaft.

Offen blieben die nächsten Schritte des H4SF. Konkreter kann es wahrscheinlich auch erst nach einer Regierungsbildung werden, wenn die deutsche Politik wieder handlungsfähig wird.

Links zum Sustainable Finance Gipfel am 23.10.2017 in Frankfurt/Main

Informationen und Agenda zum Sustainable Finance Gipfel Deutschland

Videomitschnitt (9 Stunden!)

Key Note von Marlehn Thieme, Vorsitzende des Rates für Nachhaltige Entwicklung

Keynote von Prof. Dr. Joachim Wuermeling, Vorstandsmitglied Deutsche Bundesbank: „Die Rolle von Notenbanken in einem nachhaltigen Finanzsystem“

 

 

 

4 Gedanken zu “Sustainable Finance Gipfel Deutschland

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