Nachhaltigkeit als Überlebensstrategie der Finanzwirtschaft 2.0

5. Oktober 2017, aktualisiert 6. Oktober 2017

Grafik: BNP Paribas vom 4.10.2017

Englisch abstract: In comparison to the neighbouring countries the German financial sector is massively lacking activity and engagement for setting sustainability in the core of there business. Instead, the lobbyists keep on mourning with regard the regulatory burdens. However, as the EU-Kommission and as well Deutsche Bundesbank became clear on their willingness to implement a more sustainability-minded regulation it has to change, implying some new and different, but not necessarily additional burdens for the going concern.

In einem Beitrag vom 13. Juli 2017 wurde bereits einmal ein Mehr an Nachhaltigkeit als geeigneter Weg zur Sicherung der Existenz von Kreditinstituten beleuchtet. Im Gegensatz zur Finanzwirtschaft in den meisten unmittelbaren Nachbarländern bleibt die deutsche Finanzwirtschaft sehr zurückhaltend. Unverständlich vor allem auch im Vergleich zum Ausland, wie das Beispiel Frankreich zeigt.

EU-Kommission will Nachhaltigkeit in der Regulierung

Der im Juli vorgelegte Zwischenbericht der „High Level Expert Group“ (HLEG) fand in Deutschland nur eine schwache Resonanz. Während die Präsentationen des Berichts in Brüssel (500 Teilnehmer) und London (100) sehr gut besucht wirkten, blieb die Mehrheit der deutschen Kreditwirtschaft abwesend.

Die von der gemeinsamen Interessenvertretung der fünf Spitzenverbände Deutsche Kreditwirtschaft verfasste Presseerklärung vom 18. Juli 2017 zum Zwischenbericht lässt eine inhaltliche Würdigung der Vorschläge weitgehend vermissen. Vielmehr beschränkt sich der Inhalt auf die altbekannte Mahnung vor weiteren regulatorischen Belastungen. Auch dies geht am Thema vorbei: In Hinblick auf Nachhaltigkeit zu regulieren heisst nicht notwendigerweise „mehr“, aber auf jeden Fall „anders“. Diese Absicht besteht und wird auch mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit umgesetzt, wie die EU-Kommission in ihrem Kommuniqué vom 20.9.2017 auf S. 11 deutlich macht. Konkrete Umsetzungsvorschläge sollen zu Beginn des Jahres 2018 vorgelegt werden.

Klimarisiken sollen stärker berücksichtigt werden

Bundesbank Vorstand Andreas hat in einer vom Handelsblatt am 2.10.17 zitierten Rede in Singapur zu einer verstärkten Berücksichtigung von Klimarisiken in der Kreditwirtschaft auf: „Wir mögen die Risiken identifiziert haben, aber wir wissen nicht wie gravierend sie sind. Das muss sich ändern“, sagte Dombret. Banken sollten beispielsweise Klimagefahren in ihrem Risikomanagement stärker berücksichtigen – etwa bei der Finanzierung langfristiger Projekte. Die Bankenaufsicht könne zudem dafür sorgen und sicherstellen, dass diese Risiken von den Geldhäusern auch beachtet und ernst genommen würden.“

Auch die niederländische Zentralbank beabsichtigt, Klimarisiken in die Aufsicht einzubeziehen. Im Bulletin vom 5.10.2017 wird dies deutlich zum Ausdruck gebracht: „DNB intends to take additional steps to embed climate-related risks more firmly into the supervisory approach“. In der zeitgleich veröffentlichten Studie Waterproof? – An exploration of climate-related risks for the Dutch financial sector wird auf S. 49ff. die steigende Marktrelevanz von Nachhaltigkeitskriterien für Kunden dargelegt. Danach sind 60% der Kunden bereit, für Nachhaltigkeit Abschläge bei der Verzinsung zu akzeptieren.

Im Zuge der Umsetzung der Empfehlungen von TCFD (Task Force on Climate related Financial Disclosures – Arbeitsgruppe zur Berichterstattung von Klimarisiken) werden die Berichtspflichten erhöht werden. Die Empfehlungen für die Kreditwirtschaft sind allerdings relativ milde und könnten nach den Aussagen auch schärfer ausfallen. Mehr in dem Beitrag „Nachhaltigkeit auf dem Weg in Rechnungslegung und Regulierung?“.

Vor dem Hintergrund der klaren Aussagen von EU-Kommission und eines Vorstands der Deutschen Bundesbank sollte damit feststehen: Die Regulierung wird zwingend und zielführend anders. Sicherlich auch eine Art von „Belastung“, aber eigentlich eine zielführende. In Blick in das benachbarte Ausland und hier insbesondere nach Frankreich zeigt, dass die Finanzwirtschaft dies schon sehr aktiv betreibt, nämlich Nachhaltigkeit im Bankgeschäft als Überlebensstrategie. Sechs von sieben der kundenstärksten Banken sehen Nachhaltigkeit in den Kern ihrer Geschäftspolitik und engagieren sich entsprechend und eher „durch und durch“ anstatt nur mal am Rande.

Nachhaltige Finanzwoche in Frankreich

In Frankreich endete am 5.10.2017 die Woche zur verantwortungsbewussten Finanzwirtschaft La Semaine de la Finance Responsable. In Deutschland gibt es keine ähnliche Veranstaltung. Die deutsche Kreditwirtschaft hat sich auch bei den seit 2015 jährlichen Europäischen Nachhaltigkeitswochen noch nicht engagiert. Es wurden eher Einzelaktivitäten zum Thema außerhalb des Kerngeschäfts und überwiegend auf lokaler/regionaler Ebene initiiert.

Französische Banken stark nachhaltig engagiert

Die französische Finanzwirtschaft ist bereits deutlich stärker von Überlegungen der Nachhaltigkeit durchdrungen. Crédit Agricole (52 Mio. Kunden/138.000 Mitarbeiter) als einer der größten Bankengruppen stellt sich als Bank der nachhaltigen Entwicklung auch in ihrer Außenwerbung dar:

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Foto: Ralf Breuer

BNP Paribas (32 Mio. Kunden/192.000 Mitarbeiter) positioniert sich als „Bank for a changing World“. Die Bank richtete am 4.10.2017 in Paris das Sustainable Future Forum 2017 Forum aus. Verschiedene Internetauftritte bieten eine Fülle von Informationen zum Thema Nachhaltige Finanzwirtschaft. Eine Zusammenstellung redaktioneller Beitrag findet sich in Green finance, the driving force for a new sustainable world. Zitat der Überschrift bei Yann Gérardin, BNP Paribas Head of Corporate and Institutional Banking: „Sustainable finance is an existential question for banks”. Ohne Frage! Nachhaltigkeit im Bankgeschäft als Überlebensstrategie vom 13.7.2017.

Folgerichtig hat die Bank einen Fonds für Investments in Green Bonds initiiert, den Parvest Green Bond, der auch Privatanlegern die Anlage in Anleihen mit Klimabezug ermöglicht. Der Vertrieb startet auf der Basis eines Volumens von € 100 Mio., mit denen der Fonds bereits bestückt ist.

2017-10-04 BNP Paribas Forum

Foto: BNP Paribas

Auch La Banque Postale (10,7 Mio. Kunden/4.200 Mitarbeiter) positioniert sich als „Bürgerbank“ (engl.) (Banque Citoyenne) und hat Nachhaltigkeit prominent im Programm. Die Anlageangebote (franz.) für Privatanleger haben unterschiedliche thematische und geografische Schwerpunkte. U.a. kooperiert die Bank auch mit KissKissBankBank, einer auch in Deutschland tätigen Plattform für das Crowdfunding sozialer und kultureller Projekte. Nach eigenen Angaben wurden bereits mehr als 27.000 Projekte durch 1,2 Mio Nutzer mit einem Betrag von über als € 73 Mio. finanziert.

Pimco sieht SDGs als gute Anlagegrundlage

In einem Blogbeitrag von Pimco werden die nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) als geeignete Basis für die Konzeption von privaten wirkungsorientierten Anlagen herausgestellt. Die Autoren betonen, dass eine derartige Ausrichtung nicht die Renditeerwartungen beeinträchtigen muss, sondern vielmehr in einigen Fällen sogar erhöhen könnte.

Deutschland noch im Stadium der „Initiativen“

Der Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) und Die Deutsche Börse AG starten „h4sf – Hub for Sustainable Finance“. Einzelheiten zur Organisation und zur Besetzung des Steuerungskreises finden Sie in einer Presseerklärung des RNE, der die folgende Zustandsbeschreibung vorangestellt ist:

„Deutschland hinkt im europäischen Vergleich bei dem Thema “Sustainable Finance” hinterher – so die Diagnose. Ein “Hub for Sustainable Finance” könnte Bewegung in die Entwicklung bringen. Der Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) und die Deutsche Börse AG arbeiten seit Sommer 2017 gemeinsam daran, ihre Nachhaltigkeitsaktivitäten im Finanzsektor zu koordinieren und weiter voranzutreiben.“

Als erste öffentliche Veranstaltung findet am 23. Oktober in Frankfurt ein „Sustainable Finance Gipfel Deutschland“ des Hub for Sustainable Finance im Hause der DVFA, Deutsche Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management, statt. Da die Veranstaltung bereits ausgebucht ist, wird vom Sustainable Finance Gipfel am 23.10.2017 ein Livestream angeboten.

Eigentlich nicht mehr verwunderlich, dass die deutsche Kreditwirtschaft auch bisher kein besonderes Engagement erkennen liess …

 

 

11 Gedanken zu “Nachhaltigkeit als Überlebensstrategie der Finanzwirtschaft 2.0

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