ING-DiBa bietet verantwortungsbewusste Investments für alle

English note: ING-DiBa brings Responsibility to German Mass Retail Banking

Nahezu jede Statistik belegt das starke Momentum nachhaltiger Anlagen, selten wird aber der Anstieg bei den nicht-institutionellen Anlegern so deutlich wie in der vorstehenden Grafik. Rund 75% der Privatanleger sind an Nachhaltigkeit als Anlagethema interessiert und der Rest hat zumindest nichts dagegen, aber warum sehen die Anleger in Deutschland nur begrenzte Angebote? Eine Frage von Henne und Ei? Das wird sich jetzt zeigen, nachdem ING-DiBa neuerdings verantwortungsbewusste Geldanlagen prominent platziert, aber ohne großen Werbeaufwand in sein Onlineangebot aufgenommen hat.

Bitte beachten Sie, dass die nachstehenden Informationen keinerlei Empfehlungen für bestimmte Anbieter oder Produkte darstellen, sondern lediglich die aktuelle Marktlage beschreiben!

16. September 2017, aktualisiert/ergänzt 18. September 2017

Dr. Ralf Breuer

Deutscher Markt im Auslandsvergleich unterentwickelt

Verantwortungsbewusste (oder auch ethisch-nachhaltige) Geldanlagen wurden bisher überwiegend nur institutionellen und auch vermögenderen Privatanleger angeboten, kaum aber flächendeckend. Die aktuelle Marktlage beschreibt das folgende Zitat aus der Mail einer Kollegin:

„…vor einigen Wochen rief mich eine Bekannte meiner Eltern an, die völlig unverhofft … eine Million Euro geerbt hat. Die wollte sie nachhaltig anlegen. Ihr Sparkassenberater machte angesichts dieses Wunsches kein Angebot und ließ sie ziehen“.

Eigentlich hätten eine Million Euro als Eintrittsgeld zum Private Banking oder zu einem Individualkundenbetreuer reichen sollen, praktisch blieb der ja hinreichend kaufkräftig vorgetragene Kundenwunsch unerfüllt.

ING-Diba eröffnet den Massenmarkt

Ohne großen Presserummel hat ING-DiBa für sein „Direktdepot“ (als Selbstbedienung) ein Angebot für nachhaltige Geldanlagen für die deutschen Privatkunden in der Breite – das sogenannte Mengengeschäft – prominent platziert. Nachhaltigkeit gab bisher „auch“ schon mit „Aktien Ökologie/Nachhaltigkeit“ als Suchmöglichkeit mit insgesamt 117 sehr unterschiedlichen Fonds und ETFs als Ergebnis.

Herausgehoben im aktuellen Angebot werden ein Nordea Aktienfonds auf Klimalösungen sowie ein Indexfonds (ETF) von BlackRock, der sich an Nachhaltigkeitsbewertungen im Sinne von Umwelt, Soziales und Unternehmensführung (ESG – Environmental/Social/Governance) orientiert. Es wird interessant sein, wie diese Angebote angenommen werden. 20 bis 30% Anteil gegenüber vergleichbaren Investments wären keine Überraschung. Dies entspräche etwa dem demographischen Anteil der Kernzielgruppe nach Bildung und Einkommen. Mit Wachstumsraten von rund 15% im Wertpapier- (€ 31 Mrd.) und Fondsgeschäft (€ 10 Mrd.) im Jahr 2016 besteht hierfür eine gute Grundlage.

Bei den ausgewählten Produkten wird leider auch das Dilemma für die Einschätzung von Produkten deutlich, auf das hier bereits mehrfach hingewiesen wurde: Mehr Transparenz bei Investmentfonds und Investmentfonds der Zukunft – transparent und glaubwürdig!. Der Nordea Aktienfonds klingt evtl. „grüner“, enthält aber Unternehmen wie Linde und Air Liquide. Sowohl beim Klimaabdruck als auch der qualitativen Einschätzung der (Ist-)Nachhaltigkeit weist er beim Informationsdienst yourSRI.com eine deutlich weniger vorteilhafte Einschätzung auf als der iShare von Blackrock.

Nachhaltigkeit ein bisher vernachlässigtes Thema

Erfahrungen aus der Praxis zeigen, dass „Nachhaltigkeit“ als Kriterium der Geldanlage bei privaten Kunden zwar nicht stark aktiv nachgefragt, aber sehr positiv passiv aufgenommen wird. Damit bieten nachhaltige Angebote sehr gute geschäftspolitische Perspektiven, die aber in der Breite der deutschen Kreditwirtschaft bisher nur sehr verhalten genutzt werden. Dies ist ziemlich unverständlich, bieten doch entsprechende Produkte mit einem „guten Gefühl“ ganz nebenbei die Emotionalisierung, nach der bei Gestaltung von Vertriebskanälen so intensiv gesucht wird. Und es gibt durchaus einige z.T. sehr erfolgreiche Beispiele für Nachhaltigkeit als Anlagethema:

Beispiel 1: Das Wachstum der Öko- und Kirchenbanken

Während der deutsche Bankenmarkt seit 2008 weitgehend stagnierte (Bilanzsumme aller Kreditinstitute gemäß Deutsche Bundesbank), wuchsen die ökologisch, ethisch oder kirchlich orientierten Banken mit einer Jahresrate von mehr als 4% (Quelle: Deutsche Bundesbank, Unternehmensberichte, Eigene Berechnungen). Die GLS Bank als einer der grünsten und prominentesten Vertreter dieser Gruppe konnte ihre Bilanzsumme mit jährlichen Zuwachsraten von rund 20% p.a. bei Forderungen und Einlagen in dieser Zeit mehr als vervierfachen. Mit einer kumulierten Bilanzsumme von gut € 50 Mrd. übertreffen die in der Gruppe erfassten 13 Banken die Größenordnung der größten deutschen Sparkasse, der Hamburger Sparkasse Haspa, um etwa ein Viertel und erreichen das kumulierte Volumen der zweit- und drittgrößten deutschen Sparkassen in Köln.

Eine Übersicht über die jeweils aktuellen Marktangebote in Deutschland veröffentlicht regelmäßig die Verbraucherzentrale Bremen.

Beispiel 2: Der FairWorldFonds

Zum 1.6.2017 wurde der FairWorldFonds (WKN: A0YCZ3 / ISIN: LU0458538880, http://www.fairworldfonds.de/) mit einem Volumen von € 940 Mio. für neue Anleger geschlossen (sogenanntes „soft closing“). Dieser 2010 aufgelegte von GLS Bank und KD Bank initiierte Mischfonds wird von der Union Investment und damit dem zentralen Dienstleister der Genossenschaftsbanken verwaltet. Allerdings wurde der von nur selektiv von einzelnen Mitgliedern der genossenschaftlichen Finanzgruppe vertrieben und nicht in der Gruppe insgesamt bzw. von der Union Investment beworben. Zum Stand 30.6.2017 überstieg sein Volumen das kumulierte Volumen aller „offiziell“ in der Breite vertriebenen Nachhaltigkeitsprodukte bei Genossenschaftsbanken und Sparkassen. Grund hierfür dürften vor allem das wohlbedachte Konzept mit entwicklungspolitischem Anspruch und die Namensgebung durch Brot für die Welt gewesen sein.

Beispiel 3: Steigende Zahl nachhaltiger Fonds und ETFs

Im Beitrag „Investmentfonds der Zukunft – transparent und glaubwürdig“ vom 6. Juli 2017 wurde hier der aktuelle Markt für Investmentfonds bereits einmal beleuchtet. Eine kostengünstige Alternative sind ETFs (Exchange Traded Funds), von denen etwa 20 als nachhaltig etikettierte in Deutschland gehandelt werden. „Etikettiert“ heisst, dass sie „verantwortungsbewussten“ (ESG-)Kriterien bei der Auswahl der abgebildeten zugrundeliegenden Wertpapieren folgen. Es läßt sich zwar in Regionen und auch unterschiedliche Unternehmensgrößen investieren, jedoch keine Themen wie erneuerbare Energien oder Wasser etc..

Der Anbieter BlackRock verzeichnete für die angebotenen „nachhaltigen“ iShares seit 2012 eine Verdreifachung des Volumens auf knapp USD 3 Mrd. zum Jahresende 2016. Dies entspricht jährlichen Zuwächsen von durchschnittlich 37%.

Quelle: Blackrock, https://assets.blackrock.com/uk-retail-assets/cache-1492015324000/images/media-bin/web/ishares/emea/insights-and-guides/etf-desk-reference/chart-sustainability-2.png)

Beispiel 4: Online-Vermögensverwalter (RoboAdvisor)

EXtra-Magazin hat das aktuelle Marktvolumen für Online-Vermögensverwalter Deutschland auf rund € 1 Mrd. geschätzt, wobei Scalable Capital mit rund € 200 Mio als größter Anbieter und der zu den Top-5 gezählte Anbieter Quirion zum Jahresende 2016 lediglich gut € 50 Mio. verwaltete.

Online-Vermögensverwalter „demokratisieren“ Bankangebote, die bisher nur Kunden mit größeren Vermögen zugänglich waren (z.B. Private Banking, Individualkundengeschäft). So ist es zutreffend im Selbstverständnis von Whitebox formuliert.

Unter den Online-Vermögensverwaltern konkurrieren unterschiedliche Spielarten, je nach Lizensierung und Konzept. Nachhaltige Anlagekonzepte sind unter diesen Angeboten selten.

Investify bietet verschiedene thematische Schwerpunkte im Anlagekonzept, u.a. auch Nachhaltigkeit als Ergänzung der Basisanlage. Hierfür wird ein Investmentfonds angeboten, während die Basisanlage über ETF ohne Nachhaltigkeitsanspruch realisiert wird.

Der US-Markt für Onlineanbieter ist mit etwa USD 300 Mrd. deutlich größer und auch strukturell anders. Betterment verwaltet rund USD 9 Mrd. Hier können breite Marktsegmente wie der US-Aktienmarkt wahlweise mit nachhaltig orientierten ETFs investiert werden. Der auch in den USA operierende kanadische Anbieter Wealthsimple (AuM CAN-$ >1 Mrd.) hat sogar ein komplett an sozial verantwortlichen Kriterien ausgerichtetes Angebot mit ETFs, ebenso Wealthfront mit USD 5 Mrd. in den USA.

Ein komplett „grünes“ Onlineangebot findet sich in Deutschland bisher nur bei Visualvest, einer Tochtergesellschaft der Union Investment. Im Gegensatz zu den anderen genannten Anbietern arbeitet Visualvest nicht mit einer Lizenz als Vermögensverwalter, sondern als Finanzvermittler. Im Angebot ist ein „grünes“ Musterportfolio auf der Basis konventioneller, aber nachhaltig orientierter bzw. thematisch begrenzter Investmentfonds anbietet. Allerdings hat der Anspruch hier seinen Preis, da die jährlichen Belastungen um rund 1% über den weitgehend mit ETF dargestellten Alternativen liegen. Visualvest ist auch sogenannter „Whitelabel“ Anbieter für die gesamte genossenschaftliche Bankengruppe.

Fazit

Nachhaltige Geldanlagen hatten in Deutschland bisher eher einen Exotenstatus und es bestand der Eindruck, dass der Wunsch nach ihnen schnell in die Schmuddelecke der Finanzanlage mit intransparenten Angeboten und erhöhten Risiken führen konnte. Das muss nicht der Fall sein. Es geht auch langweilige, solide und risikoärmer wie die aufgeführten Beispiele zeigen sollten. Mit ING-DiBa wurde erstmals ein Angebot für private Kunden lanciert. Es wird interessant, wie sich der Absatz bei aktuell wenig Werbung, aber prominentem Platz auf der Internetseite der Bank entwickeln wird.

In eigener Sache…

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2 Gedanken zu “ING-DiBa bietet verantwortungsbewusste Investments für alle

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