Robo-Advisor – (K)eine Innovation

 

2017-08-22 roboadvisors-europe

English version

Über die Frage, ob Online-Angebote für die Geldanlage (neudeutsch Robo-Advisor) (k)eine Innovation sind, lässt sich streiten. Vor allem stellen sie für Kunden und Banken einen neuen Zugangsweg zu Dienstleistungen dar, die für diesen Zweck nicht eigens erfunden wurden. Vor allem beseitigen sie auf beiden Seiten Barrieren und „demokratisieren“ Dienstleistungsangebote, die bisher nur mit einer begrenzten Beraterzahl und vorwiegend vermögenderen und institutionellen Kunden zur Verfügung standen. Ein Blick in die einzelnen Angebote zeigt allerdings, dass die Leistungen gegenüber einer Beratung von vermögenden Privatkunden „abgespeckt“ sind und noch viel Raum für Weiterentwicklung lassen.

Dr. Ralf Breuer

18. August 2017, aktualisiert 25. August 2017

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Quelle: http://www.techfuence.eu

Nicht aufgeführt sind neuere Angebote von cominvest (comdirect, Mai 2017) und Baloise MONVISO (Anbieter: Basler Financial Services GmbH, Plattform/Portfoliomanagement: Deutsche Asset Management, Juni 2017). Bei einzelnen Genossenschaftsbanken wurde zwischenzeitlich „MeinInvest“ ausgerollt, eine modifizierte Version von „VisualVest“.

Onlineverwaltung mit verschiedenen Ansätzen

Der Informationsdienst TECHFLUENCE listete per 31. Juli 2017 eine Gesamtzahl von 31 Onlineangeboten und sechs weiteren in der Erprobung (Stealth-Modus). Damit wäre die Zahl der Anbieter im Jahresverlauf um acht gestiegen. Die betreuten Vermögen schätzt der Informationsdienst auf rund € 850 Mio. Nur wenige Anbieter veröffentlichen aktuell Zahlen und veröffentlichte Zahlen sind vielfach unscharf, weil sie nicht nach einzelnen Vertragsarten differenzieren, da häufig maschinelle und hybride Dienstleistungen mit Beraterzugang angeboten werden.

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Quirin Privat Bank AG berichtete am 25.8.2017 für Quirion ein Volumen von € 75 Mio. zur Jahresmitte, ein (Brutto-)Zufluß von € 22 Mio. seit Jahresbeginn. Die Bank erwartet ein Erreichen der € 100 Mio. zum Ende des Jahres.

Bisher wurde nur bei wenigen Anbietern ein Volumen von € 100 Mio. überschritten. Insbesondere die größeren Finanzgruppen sind eher noch in den Anfängen. Der Anbieter der Sparkassen-Finanzgruppe (Bevestor) startete erst im Juli 2017, das Onlineangebot der Genossenschaftsbanken (MeinInvest) wurde gerade bei ersten Ortsbanken ausgerollt. Zum Vergleich: Der größte unabhängige US-Verwalter Betterment hat nach beeindruckendem Wachstum in den vergangenen Jahren die Marke von USD 10 Mrd. überschritten.

2017-07-22 betterment aum

www.statista.com schätzt das Marktvolumen in den USA für 2017 auf USD 500 Mrd. und erwartet einen Anstieg auf USD 2,2 Bio. bis zum Jahr 2020. Allerdings sind hier sehr unterschiedliche Dienstleistungsangebote erfasst, häufig als „hybride“ Dienste mit der Möglichkeit Berater zu konsultieren.

Große „Artenvielfalt“

Eigentlich passt kein Sammelbegriff, „Robo-Advise“ ist eher ein Gattungsname. Die Angebote können grundsätzlich Fondsvermittler ohne Regulierung, Finanzanlagen-vermittler nach § 34f oder lizensierte Vermögensverwalter gemäß § 32 Kreditwesen-gesetz sein. Dies wird nicht in allen Fällen sofort transparent.

Fehlende Transparenz ist insbesondere bei den Finanzanlagenvermittlern problematisch: Die Vorschläge signalisieren bestimmte Portfoliostrategien, beispielsweise mit Wertsicherung, haben aber keine Grundlage, diese auch eigenständig auszuführen. Sie haften auch nicht für mögliche Fehler, da die Vorschläge lediglich „Anregungen“ darstellen. Hier wäre ein größeres Maß an Transparenz wünschenswert und auch angebracht, insbesondere wenn die Märkte einmal holpriger werden sollten und Enttäuschungen vorprogrammiert erscheinen. Ein guter Überblick findet sich hier: Robo Advisor – Test und Vergleich 2017.

Große Unterschiede in Stichproben

Problematisch und wenig thematisiert werden die Erwartungen, die in die Anlageentscheidung eingehen. Ausgehend von dem aktuell sehr niedrigen Zinsniveau wäre also bei einer längeren Anlagedauer eine höhere Renditeerwartung angemessen. Gleichzeitig sind Aktienmärkte zyklisch und die Entwicklung kann nicht einfach über die gesamte Anlagedauer in eine Richtung fortgeschrieben werden. Leider ist dies nicht immer sauber umgesetzt:  Egal wie lang oder kurz der Anlagehorizont gesetzt wird, bei gegebener Risikoneigung wird immer die gleiche Renditeerwartung unterstellt. Nur die Streubreite wird größer. Sofern es sich hierbei um die rückgerechnete Wertentwicklung handelt, ist dies insofern problematisch, da bei einem Zeitraum von beispielsweise 15 Jahren die Rechnung auf einem sehr niedrigen Aktienkursniveau basiert.

Auch in Bezug auf die Risikosteuerung finden sich sehr große Unterschiede bis zu dem Problem der Umsetzung im Falle der Finanzanlagenvermittler.

Inhaltlich selten Kreativität

Etwas überraschend ist die Tatsache, dass nur wenige Anbieter auch thematische Investments anbieten. Im Gegenteil: Das für die Genossenschaftsbanken ausgerollte „MeinInvest“ wird ohne die grünen Anlagevarianten von „VisualVest“ angeboten. Nur investify stellt eine themenorientierte Geldanlage stark in den Vordergrund.

Es läge eigentlich auf der Hand, die bestehende Angebotslücke bei verantwortungsbewußten Geldanlagen mit Onlineangeboten zu schließen. Bei den US-Anbietern ist bereits ein Trend in diese Richtung zu beobachten. So hat Betterment bereits in der Basisanlage auf einen nachhaltigen ETF umgestellt. Diese Möglichkeit bestünde leicht auch für deutsche Anbieter.

2017-08-22 roboadvisors-europe

Quelle: http://www.techfuence.eu

Marktkonsolidierung zu erwarten

Die Argumente für eine Konsolidierung ergeben sich vor allem aus den überwiegend bescheidenen Volumina von zumeist unter € 100 Mio. dem späten Start der großen Banken und Finanzgruppen sowie in Deutschland schon erreichten hohen Zahl von Anbietern von 31 gegenüber etwa 73 in Europa. So konnte das Angebot der comdirect – cominvest – nach dem Start im Mai 2017 bereits im Juni ein Anlagevolumen von mehr als € 100 Mio. vermelden. Dies bei einem Marktwachstum von € 20 bis 30 Mio. (Quelle: EXtra-Magazin). Allerdings wird in den berichteten Zahlen nicht zwischen rein automatisierten und hybriden sowie beratenden und vermögensverwaltenden Dienstleistungen unterschieden, sondern lediglich das Volumen für die Marke „cominvest“ genannt.

Die Eintrittsbarrieren für neue Anbieter sind nicht besonders hoch, da die technischen Grundlagen für ein Onlineangebote mit relativ geringen Investitionen in der Größenordnung von € 100.000 bis € 200.000 verbunden sind (vgl. Oliver Leipold: Massive Konsolidierung im gesamten Markt für Anlageberatung, in: DAS INVESTMENT, 8.8.2017). Hinzu kommen dann noch die regulatorisch bedingten Aufwendungen. Insofern ist davon auszugehen, dass sich der Markt in den kommenden Jahren weiter stark verändern wird.

 

 

 

6 Gedanken zu “Robo-Advisor – (K)eine Innovation

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