Erfolgsgrundlagen für FinTech

 

Dr. Ralf Breuer

zuletzt aktualisiert am 31. Juli 2017

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Quelle: www.paymentandbanking.com

 

Übersichten über FinTechs erinnern an die Schnittmusterbögen in den Modezeitschriften meiner Mutter. Sie geben erst mal kein klares Bild oder Orientierungshilfe zur Navigation. Ein Blick in diverse Geschäftsmodelle führte nicht notwendigerweise zu einer innovativen Idee, auch nicht bei genauerem Hinschauen. Vielmehr findet sich viel „alter Wein in neuen Schläuchen“, so dass sich die Frage stellt, was die beeindruckenden Mühen und finanziellen Einsatz rechtfertigt. Manch ein Anbieter weist auch nach zehn Jahren noch finanzielle Verluste mit steigender Tendenz aus. – Chris Skinners Blog „The Finanser“ ist immer inspirierend. Zwei jüngere Beiträge führten mich zu einer neuen und frischen Perspektive auf FinTechs. Zu meiner eigenen Überraschung eher eine geschichtliche Sichtweise.

Das Erbe früher Automatisierung

Als Bankenanalyst präsentierte ich Analysen zu deutschen Banken. Dabei erinnerte mich die EDV-Landschaft an ein Museum, dass die Entwicklung der letzten 40 bis 50 Jahre präsentierte. Dieses „Erbe“ erschien ein wesentlicher Teil der Erklärung für die unvorteilhafte Aufwand-/Ertragsrelation der deutschen Banken zu sein. Chris Skinner formulierte sinngemäß: Die Banken wollen in das Nirwana neuer Technologien, stecken aber in einem Geflecht alter Systeme (Banks “…want to get to the nirvana of new technologies, but are stuck in a spaghetti of old systems”, https://thefinanser.com/2017/07/fintech-start-ups-think-can-beat-banks.html/). Selten haben deutsche Banken versucht, ihre Systeme in klarere Strukturen zu transformieren. Zum Beispiel: Die Deutsche Bank kündigte erst 2015 an, die Anzahl der EDV-Systeme von 45 auf 4 zu reduzieren. Sind FinTech ein Ausweg aus diesem „Erbe“? In einem gewissen Maß ja, aber noch kein hinreichender Grund für ihre Entstehung. Trotz aller Inkubatoren, Kooperationen und Investitionen der verschiedenen Finanzgruppen.

Schlüssel für meine Sichtweise war Chris Skinners Feststellung, dass die erfolgreichsten FinTechs keine Banken ersetzen, sondern unterversorgte Marktbereiche bedienen. (“that…the most successful FinTech firms are not replacing banks, but serving markets that were under-served” https://thefinanser.com/2017/07/fintech-start-ups-think-can-beat-banks.html/). Oder unversorgte. Punkt, das ist es!

Un(ter)versorgung ist nicht notwendig „fehlendes“ oder „unzureichendes“ Angebot. Die Angebote können auch vernachlässigt, überteuert oder schlichtweg unbequem gestaltet sein. Beispiel hierfür sind Auslandsüberweisungen und Sorten. Diese Bereiche haben die deutschen Banken Spezialisten überlassen, die mit üppigen Margen operieren. Sie sind auch der Startpunkt für Neugründungen wie 1bank4all und Revolut in der Schweiz. Auch die seit 2011 lizensierte ProCredit Bank zielt in diese Richtung.

Deutsche Finanzgruppen entstanden durch unversorgten Bedarf

Das deutsche Privatkundengeschäft hat aus der ausländischen Sicht keine große Konsolidierung erfahren. Die meisten Entwicklungen vollzogen sich innerhalb der Finanzgruppen (Genossenschaftsbanken, Sparkassen), dem Aufstieg der ING Diba und dem Verschwinden einiger Landesbanken. Es gab nur wenige prominente Fusionen wie die von Commerzbank und Dresdner Bank sowie wenige Markteintritte ausländischer Banken wie Santander.

Was sind die gemeinsamen Wurzeln der heutigen Säulen der Kreditwirtschaft? Tatsächlich wurde der Großteil der Kreditinstitute zur für zuvor unversorgte Kundenkreise gegründet. Genossenschaftsbanken, Sparkassen, die Postbank und sogar die Diba entstanden zur Versorgung von Kunden, die keinen Zugang zu den damals existierenden Banken hatten. – Auch die Großbanken entstanden als der Finanzierungsbedarf im Zuge der Industrialisierung durch die Möglichkeiten der Privatbankiers nicht mehr gedeckt werden konnte. – Bankengeschichte als Ansatz zur Beurteilung von Innovationen heute?!

Ein globaler Blick auf die Finanzmärkte

Die zweite inspirierende Idee aus dem Blog von Chris Skinner ist die globale Finanzwelt als eine mit drei verschiedenen Entwicklungsgeschwindigkeiten zu sehen: Während die Vereinigten Staaten und Europa mit den ererbten System ringen, überspringen China, Indien und andere Wachstumsökonomien diese Phase mit Systemen teilweise aus der Zeit nach der Geburt von Mark Zuckerberg (dem Gründer von Facebook). (“For me however, it illustrated a different conundrum. Whilst the United States and Europe are wrestling with legacy systems, I see China, India and other growth economies leap-frogging their counterparts thanks, in part, to implementing systems after Mark Zuckerberg was born.”, https://thefinanser.com/2017/07/three-stream-financial-world-one-watch.html/). Und tatsächlich: Bei der Analyse europäischer Banken waren Zusammenhänge zwischen einer günstigen Relation Aufwand/Ertrag und einer späten Einführung von EDV zu erkennen. (Alternativ waren in einigen wenigen Fällen die Systeme konsequent restrukturiert worden.)

Die dritte Geschwindigkeitsstufe bringt es auf den Punkt: Der Aufstieg mobiler Zahlungsverkehrslösungen in Schwellen- und Entwicklungsländern wird von Gesellschaften aus der Telekommunikationsbranche und eben FinTechs getragen. Die Übersicht über die Marktdurchdringung bestätigt diese Überlegungen:

Eine solche Sichtweise hilft, die Welt der FinTech besser zu verstehen und Innovationen zu erkennen. Gewissermaßen können so die unnötigen Teile aus dem Schnittmusterbogen entfallen. Die Orientierung wird deutlich leichter.

Die Lektion?

Zugegebenermaßen wurde mit Dingen, die niemand braucht, viel Geld verdient, aber das in der Regel nur kurzfristig. Man denke nur an Skoubidou, Tamagotchi, Pokemon Go usw. Für die kurze Frist lohnt sich aber der Aufbau einer Finanzdienstleistung nicht. So werde ich zukünftig nach Angeboten Ausschau halten, die zumindest bestehende Angebote „demokratisieren“, die beispielsweise bestimmten Kundenkreisen nicht zugänglich waren, stumpfsinnige Tätigkeiten abschaffen oder vielleicht auch dauerhafte Qualitätsprobleme beheben. Als Daumenregeln für die Erfolgswahrscheinlichkeit eines FinTech erscheint das mit allen drei skizzierten Entwicklungstempi vereinbar. Und tatsächlich fällt es mir jetzt leichter, wahrscheinlich echte und nachhaltige erfolgreiche neue Produktangebote zu erkennen.

Immer noch Zweifel?

Einige Tage nach der Veröffentlichung der Ursprungsfassung drängte sich noch ein weiterer Ansatz auf: Alles aus der Geschichte und dem aktuellen Umfeld kann erst mal ausgeblendet werden. Erst mal schauen, ob eine Idee positiv zu Nachhaltigkeit bzw. den nachhaltigen Entwicklungszielen 17Ziele/SDGs beitragen kann. Vorschläge, die hier hineinpassen sollten eine faire Erfolgschance haben.

4 Gedanken zu “Erfolgsgrundlagen für FinTech

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