Nachhaltige Finanzwirtschaft in Deutschland – einige Beobachtungen und Gedanken

csm_Das_sind_die_SDGs_17_Ziele_UN_c70fe655beDr. Ralf Breuer

Aktualisiert und ergänzt: 28. Juli 2017

Der Rat für Entwicklung hat am 23.6.2017 zum Dialog über nachhaltige Finanzwirtschaft aufgerufen. „Deutschland hinkt im europäischen Vergleich bei dem Thema „Sustainable Finance hinterher…“.(http://www.nachhaltigkeitsrat.de/aktuelles/uebersicht/detailansicht/artikel/rne-ruft-zum-dialog-ueber-nachhaltige-finanzwirtschaft-auf/)

Die nachfolgenden Überlegungen verstehen sich als Diskussionsbeitrag zu dem erstmals im März 2017 vom RNE veröffentlichten „living document“ in der aktuellen Fassung . Der RNE bittet um Diskussionsbeiträge bis zum 15.9.2017.(http://www.nachhaltigkeitsrat.de/fileadmin/user_upload/dokumente/beitraege/2017/20170623_Living_document_RNE_Green_Finance.docx)

Ein Blick auf „Nachhaltige Finanzwirtschaft“ in In- und Ausland und in der deutschen Kreditwirtschaft offenbart große Widersprüche, wie einige Beispiele zeigen:

Deutschland hinkt hinterher

Am 26.6.2017 twitterte die Börse Luxemburg ein Zitat ihres CEO, dass bald kein Emittent mehr Mittel akquirieren könnte, ohne den Zweck bzw. die Mittelverwendung nachzuweisen. In Luxemburg sind bereits mehr als 110 „grüne Anleihen“ gelistet. Kürzlich wurde auch ein Segment für Sozialanleihen eingerichtet. Am 19.6. lancierte LuxFLAG (Luxembourg Finance Labelling Agency, https://www.luxflag.org) ein Zertifikat für Green Bonds und ergänzte die Palette zu Mikrofinanz, Klimafinanzierungen und anderen nachhaltigen Themen). Die Luxemburger Umweltministerin und der Finanzmister haben am 26.6. gemeinsam mit acht Partnern aus der Privatwirtschaft die Initiative „Climate Finance Accelerator“ vorgestellt, die die Ministerien mit € 3 Mio. in den nächsten drei Jahren finanzieren werden (https://www.wort.lu/de/business/climate-finance-accelerator-dem-gruenem-finanzwesen-auf-die-spruenge-helfen-595133bea5e74263e13c2fee). Apple hat als Reaktion auf die Politik einen Green Bond von USD 1 Mrd. begeben, die Pariser Verkehrsbetriebe und Metrobetreiber RATP ging gestern mit € 500 Mio. in den Markt.

In Deutschland herrscht dagegen Nachdenken und Vernetzungsabsicht: Am 23.5. wurde in Frankfurt eine unverbindliche Absichtserklärung für mehr Nachhhaltigkeit am Finanzplatz Frankfurt abgegeben. Zeitgleich fand nebenbei in London der FT Climate Finance Summit statt. Am 23.6.2017 veröffentlichte adelphi in Kooperation mit dem Verband öffentlicher Banken eine Studie zum deutschen Markt für „Green Bonds“, in der vor allem die mangelnde Verfügbarkeit von Projekten, höhere Transaktionskosten und fehlende Standards als Hinderungsgründe für eine dynamischere Marktentwicklung genannt werden. Dabei hat das Thema „Nachhaltige Investments“ bereits seit geraumer Zeit Stellenwert, z.B. in Form des monatlichen Business Briefing des Handelsblatts. http://www.handelsblatt.com/service-angebote/newsletter/nachhaltige-investments/

Am 18.7.2017 fand die erste öffentliche Anhörung einer Expertenkommission zu einer nachhaltigeren Finanzwirtschaft in Europa statt. Die möglichen Impulse sind im Blog „Nachhaltigkeit auf dem Weg in Rechnungslegung und Regulierung?“ vom 20.7.2017 skizziert.

Hohes Maß an Marktdynamik

Der Markt für „Green Bonds“ wird 2017 weltweit etwa USD 120 Mrd. erreichen. 2016 lag das Volumen noch bei USD 93 Mrd., also mindestens +30%. Nachhaltige Investments wachsen seit Jahren in nahezu allen Kategorien zweistellig, nur in Deutschland hat dies offenbar keinen großen Stellenwert? Entwicklungsminister Müller hat mit seiner Aussage auf der Jahrestagung des Rats für Nachhaltige Entwicklung Recht, dass die Banken als Nachfolger der Versorger aktuell die größten Verhinderer von Nachhaltigkeit sind.

Nicht ganz, wie der Erfolg einer kleinen Gruppe von stark ethisch oder ökologisch fokussierten Kreditinstituten zeigt. So konnte die stark grün geprägte GLS Bank ihre Bilanzsumme seit 2007 mehr als vervierfachen, die Gesamtgruppe von rund 15 Banken hat mittlerweile mit ihren Volumina die größte deutsche Sparkasse überholt. Apropos: Der von GLS und KD Bank initierte FairWorldFonds wurde zum 1.6.2017 bei € 940 Mio. Volumen für neue Anleger geschlossen. Er hat einen größeren Mittelbestand als die „offiziellen“ Nachhaltigkeitsfonds von Sparkassen und Genossenschaftsbanken zusammen. Dies ist m.E. vor allem auf das Konzept und die Namensgebung von „Brot für die Welt“ geschuldet. Gemäß Presseberichten könnte das Nachhfolgeprodukt ein Fonds auf „Green Bonds“ werden.

Die deutsche Kreditwirtschaft verhält sich gegenüber der Thematik Nachhaltigkeit nicht unbedingt rational: Erfahrungen aus der Praxis zeigen, dass Nachhaltigkeit als Kriterium der Geldanlage wenig aktiv nachgefragt, aber sehr positiv passiv aufgenommen wird. Der grundsätzlich bestehende und vielfach starke Kundenwunsch, wird ebenso ignoriert wie die oben skizzierten Erfolge des Wettbewerbs. Dabei hätten Kreditinstitute jeden Grund, ihre üppigen Einlagenbestände in profitables und gleichzeitig auch reputationsförderndes Geschäft zu leiten. Und selbst, wenn Kunden nachfragen, ist nicht unbedingt ein geeignetes Angebot verfügbar.

Hinzu kommen noch weitere Argumente:

  • Die CSR-Berichtspflicht ab 2017 zwingt zu einer verstärkten Auseinandersetzung mit dem Thema
  • Die Einlagenbestände werden bei steigendem Zinsniveau belasten
  • Insbesondere lokale und regionale Banken suchen in Zeiten der Digitalisierung nach Überlebensstrategien, die sie mit einem Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung ihrer Geschäftsgebiete absichern könnten. Die steigende Zahl kommunaler und regionaler Nachhaltigkeitsstrategien bietet hierfür eine Basis.

Aber leider haben mehr Sparkassen und Genossenschaftsbanken ihre nachhaltigen Anlageangebote im Einlagengeschäft aufgegeben als fortgeführt wie die Marktübersicht der Verbraucherzentrale Bremen nahelegt.

Zwischenfazit: Unbefriedigend, unverständlich

Nach einiger Zeit der Beschäftigung mit dieser Materie bleibt der Status Quo unverständlich. Es gab bisher wenige Konstellationen, bei denen Kunden, Kreditwirtschaft, Politik und Gesellschaft derart gleichgerichtete Interessen haben und trotzdem viel weniger passiert als möglich wäre. Trotzdem erscheint nachhaltiges Investieren eher ein Randthema für Stiftungen und vermögende Privatkunden, nicht für die Breite der Kunden. Mehr Nachhaltigkeit in Bankprodukten bietet aber einen guten und offensiven geschäftspolitischen Ansatz, gerade neben den Dauerthemen Regulierungsdruck und Digitalisierung. Bisher haben nur wenige Banken dieses Thema konsequent aufgenommen. Mit Erfolg.

Wie die Praxis verfährt, zeigt das folgende Zitat aus der Mail einer Kollegin. Es handelte sich dabei offenbar nicht um einen Fall bei der oben zitierten Sparkasse:

„…vor einigen Wochen rief mich eine Bekannte meiner Eltern an, die völlig unverhofft … eine Million Euro geerbt hat. Die wollte sie nachhaltig anlegen. Ihr Sparkassenberater machte angesichts dieses Wunsches kein Angebot und ließ sie ziehen“

Eigentlich hätte eine Million als Eintrittsgeld zum Private Banking oder Individualkundenbetreuer reichen sollen, praktisch blieb der eigentlich hinreichend kaufkräftig vorgetragene Kundenwunsch unerfüllt.

Demokratisierung als Lösungsansatz

Die Erschließung neuer Kundengruppen über das Internet wird im Englischen vielfach als „Demokratisierung“ von Leistungsangeboten bezeichnet. Und genau mit diesem Gedanken beginnt ein Lösungsansatz, die schnell und umfassend zu einem Mehr an Nachhaltigkeit in der Geldanlage führen kann: Vorhandene Leistungsangebote über den Onlinevertrieb stärker zu verbreiten, für bisher gewissermaßen „ausgesperrte“ Kunden zu öffnen.

Ein zweiter Ansatz besteht darin, bestehende Leistungsangebote im Vertrieb mit nachhaltigeren Charakteristika auszustatten. Ist beides so einfach, dass es sogar schon in der Praxis gemacht wird.

Praktische Beispiele zu aktuellen Trends der „Demokratisierung“ im Sinne von „Nachhaltige Geldanlagen für alle“ werden in einem in der kommenden Woche erscheinenden Beitrag beschrieben.

Ein dritter, deutlich komplexerer Ansatz ist die Erweiterung des bestehenden Produktangebotes durch zentrale Dienstleister oder einzelne Kreditinstitute. Hier sind je nach Geschäftsgebiet zahlreiche Möglichkeiten denkbar, die aber individuell erarbeitet werden müssen.

 

Ein Gedanke zu “Nachhaltige Finanzwirtschaft in Deutschland – einige Beobachtungen und Gedanken

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